Leben
Hildegard kam 1098 als Tochter der edelfreien Eltern Hildebert und Mechthild zur Welt; als Geburtsort nennt die Forschung Bermersheim vor der Höhe in Rheinhessen oder Niederhosenbach an der Nahe. Schon als Kind wurde sie dem geistlichen Leben bestimmt und der Obhut der Jutta von Sponheim anvertraut. Am 1. November 1112 zogen beide in die Frauenklause, die an das Benediktinerkloster Disibodenberg angeschlossen war. Aus der kleinen Klause wuchs eine Gemeinschaft, und als Jutta 1136 starb, wählten die Schwestern Hildegard zur Magistra.
Von 1141 an schrieb sie ihre Visionen nieder, unterstützt vom Mönch Volmar als Sekretär. Auf der Synode von Trier 1147/48 las Papst Eugen III. selbst aus ihren Aufzeichnungen und billigte ihr Schreiben. Um 1150 verließ sie mit rund zwanzig Schwestern den Disibodenberg und gründete gegen manchen Widerstand das Kloster Rupertsberg bei Bingen; 1165 folgte eine zweite Gründung in Eibingen oberhalb von Rüdesheim. In den Jahren zwischen 1158 und 1170 predigte sie öffentlich, unter anderem in Mainz, Würzburg, Trier und Köln.
Hildegard starb am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg, wenige Monate nachdem ein kirchliches Interdikt gegen ihre Gemeinschaft aufgehoben worden war. Als Heilige verehrt wurde sie schon lange; ein Heiligsprechungsverfahren im 13. Jahrhundert blieb allerdings unvollendet. Erst am 10. Mai 2012 dehnte Papst Benedikt XVI. ihre Verehrung auf die gesamte Kirche aus und sprach sie damit heilig, am 7. Oktober 2012 erhob er sie zur Kirchenlehrerin.
Werk
Ihr visionäres Hauptwerk ist „Scivias“ („Wisse die Wege“), entstanden zwischen 1141 und 1151. Zwei weitere Visionsschriften folgten, das „Liber vitae meritorum“ und das „Liber divinorum operum“. Daneben schuf sie über siebzig geistliche Gesänge, gesammelt als „Symphonia“, und das Singspiel „Ordo virtutum“.
Für die Heilkunde zählen zwei Schriften aus den 1150er-Jahren. Die „Physica“, im Mittelalter „Liber simplicis medicinae“ genannt, beschreibt in neun Büchern Pflanzen, Elemente, Bäume, Steine, Fische, Vögel, Landtiere, Kriechtiere und Metalle. Ihren heutigen Titel erhielt sie erst im Straßburger Erstdruck von 1533. Das Pflanzenbuch ist mit über zweihundert Kapiteln das umfangreichste. Auffällig sind die vielen deutschen Wörter im lateinischen Text: Zahlreiche Pflanzen tragen volkssprachliche Namen, etwa „Binsuga“ für die Weiße Taubnessel. Als Stichwortgerüst für die Kapitel diente nach heutiger Forschung eine ältere Enzyklopädie, das „Summarium Heinrici“.
„Causae et curae“, auch „Liber compositae medicinae“, fragt nach den Ursachen der Krankheiten. Das Werk erklärt sie aus dem Zusammenspiel von Elementen, Körpersäften und Lebensweise, wie es die mittelalterliche Medizin verstand, und nennt dazu die Mittel, die man damals für angemessen hielt.
Bedeutung für die Heilkunde
Hildegard dachte in den Kategorien ihrer Zeit. Jede Pflanze, jeder Stein und jedes Tier besaß für sie eine eigene Natur aus Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit, und daraus leitete sie ab, wem etwas bekomme und wem nicht. Neben Pflanzen des Klostergartens wie Salbei beschreibt die „Physica“ Gewürze aus dem Fernhandel, darunter Ingwer, Süßholz und Zimt, dazu Getreide und andere Grundnahrungsmittel. Im Steinbuch stehen Edelsteine wie Smaragd und Jaspis.
Kaum eine Pflanze ist so eng mit ihrem Namen verbunden wie der Fenchel. Sein Kapitel ist ungewöhnlich ausführlich: Hildegard schrieb ihm eine sanfte Wärme zu und meinte, er mache den Menschen froh und schenke ihm eine gute Verdauung. Für eine ganze Reihe der Anwendungen, die sie dort aufzählt, finden sich in den vergleichbaren Kräuterbüchern ihrer Zeit keine Vorbilder. Ebenso bekannt ist ihr Urteil über den Dinkel, den sie das beste Getreide nannte.
Ihre Schriften wirkten weit über das Kloster hinaus. Im Spätmittelalter entstanden deutsche Bearbeitungen wie das sogenannte Speyrer Kräuterbuch, und mit dem Druck von 1533 erreichte die „Physica“ ein gelehrtes Publikum. Bis heute greifen Kräuterbücher und Klostergärten auf ihre Pflanzenkapitel zurück. Welche Würzkräuter in ihrem Umfeld eine Rolle spielten, erzählt der Beitrag über Hildegards Kräuterküche.
Einordnung aus heutiger Sicht
Die Originalhandschriften der naturkundlichen Werke sind verloren. Die „Physica“ ist in Abschriften des 13. bis 15. Jahrhunderts überliefert, die sich teils deutlich unterscheiden; das älteste bekannte Bruchstück wurde erst 2014 entdeckt und stammt aus dem frühen 13. Jahrhundert. „Causae et curae“ ist vollständig nur in einer einzigen spätmittelalterlichen Handschrift erhalten. In den 1980er-Jahren tauchten weitere Textzeugen auf; die Florentiner Handschrift von etwa 1300 bietet einen deutlich umfangreicheren Text als die lange maßgebliche Ausgabe von 1855.
Die Forschung geht davon aus, dass die „Physica“ in mehreren Schritten gewachsen ist, und rechnet mit späteren Zusätzen. Wie groß Hildegards eigener Anteil an einzelnen Passagen ist, wird bis heute diskutiert. Der Medizinhistoriker Klaus-Dietrich Fischer hält dagegen, Hildegards Denkweise und Sprachstil seien so eigentümlich, dass man ihr die Urheberschaft nicht absprechen solle. Anders als ihre Visionsschriften lesen Historiker die naturkundlichen Werke nicht als geschaute Offenbarung, sondern als Zeugnis des heilkundlichen Wissens ihrer Zeit.
Die heutige „Hildegard-Medizin“ ist eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts. Den Begriff prägte um 1970 der Arzt Gottfried Hertzka (1913–1997), der später in Konstanz wirkte und das Konzept gemeinsam mit Wighard Strehlow verbreitete. Sie beruft sich auf Hildegards Schriften, ordnet sie aber neu, ergänzt sie um eigene Rezepturen und ist inzwischen ein breiter Markt aus Ratgebern, Kursen und Produkten. Auch der Dinkel verdankt seine Rolle als Inbegriff der Hildegard-Küche vor allem dieser Bewegung: In der „Physica“ ist das Weizenkapitel drei- bis viermal so lang wie das Dinkelkapitel, das nur ein einziges Rezept enthält, eine einfache Suppe. Wer sich mit Hildegard beschäftigt, begegnet daher zwei Schichten – der Äbtissin des 12. Jahrhunderts mit ihrer eigenen Natur- und Heilkunde und einer modernen Lehre, die sich auf sie beruft.