Volksheilkunde & Geschichte
Der botanische Artname helenium führt mitten in die griechische Sage. Der antiken Legende nach entspross die Pflanze den Tränen der schönen Helena – jener Helena, um die der Trojanische Krieg entbrannte. Daher stammt auch der alte Volksname „Helenenkraut“. Beschrieben ist die Pflanze bereits bei den großen Naturkundlern des 1. Jahrhunderts: Pedanios Dioskurides führt sie in seiner Arzneimittellehre „De materia medica“, Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“.
Ursprünglich ist der Alant in Vorder- und Zentralasien zu Hause. In Europa wird er seit der Antike angebaut, und im Mittelalter wurde er zu einer festen Größe der Klostergärten. Auch die Kräuterbücher der Renaissance widmeten ihm eigene Kapitel, etwa Leonhart Fuchs in seinem „New Kreüterbuch“ von 1543.
Die deutschen Volksnamen erzählen, wofür die Pflanze stand. „Brustalant“ verweist auf die Brust- und Hustenwurzel, „Darmwurz“ auf den Gebrauch als Magenbitter. Mit „Odinskopf“ und „Großer Heinrich“ trägt der Alant zudem zwei Namen, die eher nach Respekt vor einer stattlichen Gestalt klingen als nach Kräutergarten.
Im Brauchtum hatte der Alant einen Ehrenplatz. Weil er um Mariä Himmelfahrt am 15. August in voller Blüte steht, wurde er mancherorts als Mittelpunkt des Würzbüschels gebunden – jenes Kräuterbuschens, den man in der Kirche weihen ließ und anschließend das Jahr über im Haus aufbewahrte. Die getrocknete Wurzel wiederum gehörte zum Räucherwerk der Rauhnächte. In der Hausapotheke fand sie sich als Alantwein und als kandierte Alantwurzel, im Volksmund „Alantzucker“ genannt.
Überlieferte Wirkung
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.
In der Volksheilkunde war der Alant zuerst eine Brustwurzel. Wenn sich im Winter der Husten festsetzte und die Brust schwer wurde, holte man die getrocknete Wurzel aus dem Vorrat: als Abkochung, als Glas Alantwein am Abend oder als kandiertes Stückchen, das man langsam im Mund zergehen ließ. Der Name „Brustalant“ trägt diese Rolle bis heute in sich, und über Generationen gehörte die Wurzel in vielen Häusern zu dem, was man vor dem Winter bereitlegte, wenn Husten und Heiserkeit wieder durch die Stuben zogen.
Der zweite Strang der Überlieferung gilt dem Magen. Alte Kräuterbücher führen die aromatisch-bittere Wurzel unter den Magenbittern: Ein kleines Glas Alantwein vor dem Essen sollte den Appetit wecken und schwere, fette Speisen bekömmlicher machen. Der Volksname „Darmwurz“ erinnert daran, dass man der Wurzel auch bei trägem Bauch und Völlegefühl einen festen Platz einräumte.
Daneben stand der Alant im Ruf eines Schutzkrauts. Im geweihten Würzbüschel, der vom Hochsommer an im Herrgottswinkel oder unter dem Dach hing, sollte er Haus und Bewohner durch das Jahr begleiten, und der würzige Rauch der Wurzel in den Rauhnächten galt als reinigend für Haus und Hof – ein Brauch, der eher dem Jahreslauf gehört als dem Körper und in manchen Familien noch heute zum Jahreswechsel gepflegt wird.
Basiswissen
Mitten im Spätsommer, wenn in den Bauerngärten vieles schon müde wird, überragt der Alant die Beete: eine Staude von ein bis zwei Metern, mit Blättern so groß wie kleine Tabletts und goldgelben Blütenkörbchen, die an kleine Sonnen erinnern. Die eigentliche Schatzkammer aber liegt unter der Erde – ein dicker, fleischiger Wurzelstock, innen weißlich, mit einem warm-würzigen, leicht kampferartigen Duft und bitterem Geschmack.
Diese Wurzel hat der Chemie sogar einen Namen geschenkt: Der Speicherzucker Inulin, den sie in großen Mengen einlagert, ist nach der Gattung Inula benannt. Über Jahrhunderte war der Alant zugleich Gartenzierde, Hustenwurzel, Magenbitter und Räucherwerk. Heute steht er seltener im Garten als früher – wer ihm begegnet, findet ihn meist in alten Klostergärten, Bauerngärten oder hier und da verwildert an einem feuchten Ufer.
Botanische Merkmale
Der Echte Alant ist eine ausdauernde, krautige Staude, die 1–2 m hoch wird. Aus dem kräftigen Wurzelstock treibt jedes Frühjahr ein aufrechter, im oberen Teil verzweigter Stängel.
Blätter: Die Grundblätter sind sehr groß, eiförmig bis eiförmig-lanzettlich und lang gestielt. Ihre Unterseite ist graufilzig behaart, die Oberseite deutlich weniger. Weiter oben am Stängel werden die Blätter kleiner, sitzen ungestielt und umfassen den Stängel mit ihrem Grund.
Blüten: Die goldgelben Blütenkörbchen erreichen bis zu 7 cm Durchmesser. Typisch für den Alant sind die zahlreichen schmalen, fast fadenfeinen Zungenblüten am Rand, die die Mitte aus Röhrenblüten wie ein Strahlenkranz umgeben. Blütezeit ist von Juli bis September.
Wurzel: Ein dicker, fleischiger, verzweigter Wurzelstock, außen bräunlich, innen weißlich. Beim Anschneiden verströmt er einen aromatischen Duft; der Geschmack ist würzig und bitter. Diese Wurzel ist der Teil der Pflanze, der in der Kräuterkunde verwendet wird.
Erkennungsmerkmale: Von anderen hohen, gelb blühenden Korbblütlern im Garten unterscheidet sich der Echte Alant durch die Kombination aus riesigen, unterseits graufilzigen Grundblättern, stängelumfassenden oberen Blättern, sehr feinen Zungenblüten und dem aromatisch duftenden Wurzelstock. Nur sicher bestimmte Pflanzen ernten.
Standort & Verbreitung
Die Heimat des Alants liegt in Vorder- und Zentralasien. Nach Europa kam er bereits in der Antike als Kulturpflanze, und über Klöster und Bauerngärten verbreitete er sich in weiten Teilen Mitteleuropas. In der freien Landschaft ist er selten: Gelegentlich verwildert er aus alten Gärten und hält sich dann an feuchten Ufern, Grabenrändern und Wegrändern.
Der Alant liebt tiefgründige, nährstoffreiche und eher feuchte Böden in sonniger bis halbschattiger Lage – Bedingungen, wie sie Bachufer und gut gepflegte Gartenbeete bieten.
Im Garten: Als langlebige Staude braucht der Alant Platz, denn eine gut eingewachsene Pflanze nimmt mit ihren Blättern eine beachtliche Fläche ein. Vermehren lässt er sich durch Teilung des Wurzelstocks oder durch Aussaat. Für die Wurzelernte eignen sich Pflanzen ab dem zweiten, besser dritten Standjahr. Da wild wachsende Bestände selten sind, stammt die Wurzel sinnvollerweise aus dem eigenen Garten; verwilderte Vorkommen schonen.
Ernte & Sammlung
Erntezeit: Die Wurzel wird im Herbst (Oktober) gegraben, wenn das Laub einzieht, oder im zeitigen Frühjahr vor dem Neuaustrieb. Geerntet werden zwei- bis dreijährige Pflanzen, deren Wurzelstock dann kräftig ausgebildet ist.
Pflanzenteil: Der fleischige Wurzelstock. Beim Ausgraben und Verarbeiten der frischen Wurzel Handschuhe tragen – das enthaltene Alantolacton kann bei Hautkontakt eine Kontaktallergie auslösen (siehe Abschnitt „Sicherheit“). Wer die Pflanze erhalten möchte, sticht nur einen Teil des Wurzelstocks ab und setzt den Rest wieder ein.
Verarbeitung: Die Wurzel gründlich waschen, dickere Stücke der Länge nach spalten und in handliche Stücke schneiden – so trocknet das fleischige Gewebe gleichmäßig durch.
Trocknung: Die Stücke luftig und schattig ausbreiten oder bei höchstens 40 °C trocknen, bis sie beim Biegen brechen statt nachzugeben.
Haltbarkeit: In dunklen, gut verschlossenen Gefäßen ist die getrocknete Wurzel etwa ein bis zwei Jahre haltbar. Verliert sie ihren würzigen Duft oder riecht muffig, ist sie verbraucht.
Inhaltsstoffe
| Stoffgruppe | Hauptvertreter | Anmerkung |
|---|---|---|
| Speicherkohlenhydrat | Inulin | sehr reichlich, bis gut 40 % der Wurzel |
| Ätherisches Öl mit Sesquiterpenlactonen | Alantolacton, Isoalantolacton | früher als „Helenin“ bzw. „Alantkampfer“ bezeichnet |
| Bitterstoffe | – | prägen den bitteren Geschmack der Wurzel |
Inulin ist der mengenmäßig bedeutendste Stoff der Alantwurzel. Es handelt sich um ein Speicherkohlenhydrat aus aneinandergereihten Fruchtzucker-Bausteinen, das viele Korbblütler anstelle von Stärke einlagern – auch die Wurzeln von Klette und Löwenzahn speichern es. Seinen Namen verdankt der Stoff dem Alant: Inula stand Pate für die Bezeichnung Inulin.
Die Sesquiterpenlactone Alantolacton und Isoalantolacton sind die prägenden Bestandteile des ätherischen Öls. In der älteren Pharmazie liefen sie unter den Namen „Helenin“ und „Alantkampfer“ – ein Echo des Artnamens helenium und des kampferartigen Dufts. Alantolacton ist zugleich der Stoff, der die Wurzel zu einem bekannten Kontaktallergen macht; die Sicherheitshinweise gehen darauf ausführlich ein.
Die Bitterstoffe geben der Wurzel ihren herben Nachgeschmack – genau jene Eigenschaft, der der Alant seinen Platz unter den überlieferten Magenbittern verdankt.
Anwendung
Alantwurzel-Abkochung (innerlich)
Zubereitung: 1 gestrichenen Teelöffel getrocknete, zerkleinerte Alantwurzel mit 150 ml kaltem Wasser ansetzen, langsam zum Sieden bringen, 5 Minuten leise köcheln lassen, vom Herd nehmen, weitere 10 Minuten ziehen lassen und abseihen.
Dosierung: Höchstens 2 Tassen täglich, nur für kurze Zeit und nicht als Dauergetränk. Nach Belieben mit etwas Honig süßen.
Traditionelle Anwendung: in der Hustenzeit, wenn die Brust verschleimt ist und der Hals rau.
Alantwein (innerlich)
Zubereitung: 30 g getrocknete, zerkleinerte Alantwurzel in einer Flasche (0,75 l) Weißwein ansetzen, verschlossen 10–14 Tage an einem kühlen, dunklen Ort ziehen lassen, dabei gelegentlich schütteln, anschließend abseihen und kühl aufbewahren.
Dosierung: Ein kleines Likörglas (etwa 20 ml) vor dem Essen, nicht über längere Zeit.
Traditionelle Anwendung: der klassische Magenbitter vor schweren Mahlzeiten und der Brustwein der Wintermonate, wie ihn alte Hausbücher kennen.
Kandierte Alantwurzel – „Alantzucker“ (Hausapotheke)
Zubereitung: Frische Alantwurzel mit Handschuhen schälen und in dünne Scheiben schneiden. Die Scheiben in Wasser kurz aufkochen und abgießen, damit sie etwas von ihrer Bitterkeit verlieren. Dann in einem Sirup aus gleichen Teilen Zucker und Wasser so lange leise köcheln, bis sie glasig sind. Herausnehmen, auf einem Gitter antrocknen lassen und in Zucker wälzen. In einer Dose trocken aufbewahren.
Verzehr: Ein Stückchen langsam im Mund zergehen lassen, nicht mehr als einige Stücke am Tag.
Überlieferung: In der Hausapotheke war der Alantzucker die süße Form der Brustwurzel – ein Konfekt für die Hustenzeit, das sich gut bevorraten ließ.
Alantwurzel zum Räuchern (Brauchtum)
Zubereitung: Getrocknete Alantwurzel in kleine Stücke brechen oder grob mörsern. Sparsam auf ein Stück glühende Räucherkohle in einer feuerfesten, mit Sand gefüllten Schale legen oder auf einem Räuchersieb über einem Teelicht langsam erwärmen. Die Wurzel verströmt einen warm-würzigen, leicht kampferartigen Duft, der gut zu Harzen wie Weihrauch passt.
Brauch: Die getrocknete Alantwurzel gehörte zum Räucherwerk der Rauhnächte, der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig, in der man Haus und Stall ausräucherte, um das alte Jahr zu verabschieden und das neue zu begrüßen. Mancherorts kam auch der Alant aus dem geweihten Würzbüschel von Mariä Himmelfahrt in die Räucherpfanne. Das Räuchern ist ein Reinigungs- und Jahreslaufbrauch, keine gesundheitliche Anwendung. Weitere Räucherpflanzen, Harze und die Grundlagen des Räucherns versammelt der Überblick Räuchern mit Kräutern und Harzen.
Hinweis: Beim Räuchern Fenster öffnen und danach gründlich lüften; die glühende Kohle nie unbeaufsichtigt lassen (siehe Abschnitt „Sicherheit“).
Sicherheit
Kontaktallergie: Alantolacton ist stark kontaktsensibilisierend. Hautkontakt mit der frischen Wurzel oder mit dem ätherischen Öl kann eine Kontaktallergie auslösen, die sich bei jedem weiteren Kontakt erneut zeigen kann. Beim Ausgraben, Schälen und Schneiden der Wurzel immer Handschuhe tragen. Das ätherische Öl nicht auf die Haut auftragen.
Korbblütler-Allergie: Wer auf Korbblütler wie Kamille, Arnika, Ringelblume oder Beifuß allergisch reagiert, verzichtet auf Alant – innerlich wie äußerlich und auch beim Räuchern.
Dosierung: Nur in kleinen Mengen und für kurze Zeit anwenden. Größere Mengen innerlich können Erbrechen, Durchfall und Krämpfe auslösen. Die angegebenen Mengen im Abschnitt „Anwendung“ nicht überschreiten.
Schwangerschaft & Stillzeit: Alant in Schwangerschaft und Stillzeit nicht anwenden – weder als Tee noch als Alantwein oder kandierte Wurzel.
Kinder: Alant ist nicht für Kinder geeignet. Der Alantwein enthält zudem Alkohol.
Räuchern: Rauch reizt die Atemwege. Beim Räuchern mit Alantwurzel gut lüften und nur sparsam räuchern; Menschen mit Asthma oder empfindlichen Atemwegen meiden den Rauch. Nicht in Räumen räuchern, in denen Säuglinge, Kleinkinder oder Haustiere schlafen.
Ärztlicher Rat: Husten, der länger als eine Woche anhält, mit Fieber, Atemnot, Brustschmerzen oder blutigem Auswurf einhergeht, gehört ärztlich abgeklärt – ebenso anhaltende Magen- oder Verdauungsbeschwerden. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, bespricht eine innerliche Anwendung vorab mit Ärztin oder Arzt.
Dieser Abschnitt ersetzt keine ärztliche Beratung.
Querverweise
Räuchern: Räuchern mit Kräutern und Harzen – der Überblick über Räucherpflanzen, Harze und Bräuche, zu denen auch die Alantwurzel gehört
Hausmittel: Thymiansirup – ein weiteres überliefertes Hausmittel der Hustenzeit
Verwandte Kräuter: Beifuß (Korbblütler und klassisches Räucherkraut von Sonnwende und Rauhnächten), Königskerze (Hustenkraut und in vielen Gegenden die Mitte des Kräuterbuschens zu Mariä Himmelfahrt), Thymian (Klassiker unter den überlieferten Hustenkräutern), Klette (Korbblütler mit ebenso inulinreicher Wurzel), Wermut (das bittere Gegenstück unter den Magenbittern der Klostergärten)
Ätherische Öle: Weihrauchöl – Weihrauchharz ist das bekannteste Räucherwerk und ein naheliegender Partner der Alantwurzel in der Räucherschale
Heilsteine: Bernstein – das fossile Harz wurde im Ostseeraum selbst als Räucherwerk verbrannt