Volksheilkunde & Geschichte
Süßholz gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Heilkräutergeschichte. Im Grab des Pharao Tutanchamun (14. Jahrhundert v. Chr.) fanden sich Süßholzvorräte als Grabbeigabe. Die Skythen sollen die süße Wurzel auf langen Ritten gekaut haben, um Hunger und Durst zu überstehen – als „skythische Wurzel” kannte man sie in der Antike. Der griechische Arzt Dioskurides beschrieb sie im 1. Jahrhundert unter dem Namen Glykyrrhiza als Mittel für die Brust und den Magen.
In den Klostergärten des Mittelalters fehlte das Süßholz selten. Hildegard von Bingen nannte es „Liquiricium” und rühmte es im 12. Jahrhundert für eine klare Stimme und ein ruhiges Gemüt. Über die Klöster gelangte die Pflanze in die bürgerlichen Gärten und schließlich in eine eigene Landwirtschaft.
Das berühmteste deutsche Kapitel schrieb dabei Bamberg: In der Bamberger Gärtnerstadt wurde Süßholz vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert in solchem Umfang angebaut, dass „Bamberger Süßholz” ein Begriff für gute Ware war. Heute pflegen Gärtnervereine den alten Anbau zur Erinnerung wieder. Im englischen Pontefract wiederum kochte man aus dem Wurzelsaft die runden „Pontefract Cakes” – eine Lakritzware, die der Stadt jahrhundertelang Wohlstand brachte.
Aus dem Brauch, die Wurzel über Speisen zu raspeln, ist schließlich eine Redensart geblieben, die jeder kennt: Wer übertrieben schmeichelt, „raspelt Süßholz” – ein sprachliches Andenken an die Zeit, als die süße Wurzel in keiner Vorratskammer fehlte.
Überlieferte Wirkung
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.
Ihr erstes Reich war der Magen. Wenn es nach saurem Aufstoßen brannte oder der Magen drückte, gehörte die Süßholzwurzel in vielen Hausapotheken zum festen Repertoire. Der Überlieferung nach sollte ein Süßholzaufguss einen weichen, schützenden Schleimfilm über die gereizte Magenschleimhaut legen; die Schleim- und Stärkestoffe der Wurzel galten den alten Kräuterkundigen als der eigentliche Grund für diese besänftigende Eigenschaft. Traditionell wurde Süßholz darum bei Sodbrennen, säuerlichem Magen und einem empfindlichen, reizbaren Verdauungstrakt gereicht.
Ein zweiter, ebenso alter Strang der Überlieferung führt in die Erkältungszeit. Alte Kräuterbücher zählen das Süßholz zu den „Brustkräutern” und empfehlen es bei festsitzendem, zähem Husten und rauem Hals. Man sagte der süßen Wurzel nach, sie löse den verschleimten Husten und mache das Abhusten leichter; gern wurde sie dafür mit Thymian, Spitzwegerich und anderen Hustenkräutern gemischt. Ihr süßer Geschmack tat ein Übriges – er machte bittere Erkältungstees annehmbarer.
Und schließlich die Küche selbst: Über Jahrhunderte diente das geraspelte Süßholz als natürliches Süßungsmittel, lange bevor Zucker für jeden Haushalt erschwinglich war. Wer bittere Arzneitees trinkbar machen wollte, vertraute traditionell auf ein Stück Süßholzwurzel im Sud.
Basiswissen
„Jemandem Süßholz raspeln” – wer schmeichelt, bedient sich bis heute eines Bildes aus der Küche vergangener Jahrhunderte. Damals schabte und raspelte man die getrocknete Wurzel des Süßholzes über Speisen und Getränke, um ihnen ohne teuren Rohrzucker eine sanfte, anhaltende Süße zu geben. Diese Süße trägt einen Namen: Glycyrrhiza glabra, gebildet aus den griechischen Wörtern glykys (süß) und rhiza (Wurzel). Über das Lateinische liquiritia wurde daraus im Lauf der Jahrhunderte unser „Lakritze”.
Gesucht werden muss das Süßholz in Mitteleuropa nicht im Freiland, sondern im warmen Beet: Der bis zu zwei Meter hohe Halbstrauch aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae) stammt aus dem Mittelmeerraum und Vorderasien und kam mit den Klostergärten zu uns. Genutzt wird allein die Wurzel – ein langer, tief reichender Strang mit waagerechten Ausläufern, außen braun, innen leuchtend gelb und von Natur aus süß. In der Volksheilkunde galt sie über Jahrhunderte als doppeltes Hauskraut: als Magenwurzel für den sauren Magen und als süßes Brustkraut für die Erkältungszeit. Rund um Bamberg wurde sie dafür einst im großen Stil angebaut.
Botanische Merkmale
Das Echte Süßholz ist eine ausdauernde, krautige Pflanze von strauchigem Wuchs, die je nach Standort 1–2 m hoch wird. Ihr aufrechter, im oberen Teil verzweigter Stängel ist verholzend und trägt eine dichte Belaubung.
Blätter: Die Blätter sind unpaarig gefiedert und bestehen aus 9–17 eiförmig-elliptischen Fiederblättchen. Die Blattunterseite fühlt sich durch feine Drüsenhärchen leicht klebrig an – ein Merkmal, das beim Zerreiben deutlich wird.
Blüten: Von Juni bis Juli erscheinen in den Blattachseln aufrechte, traubige Blütenstände mit den typischen Schmetterlingsblüten der Hülsenfrüchtler. Ihre Farbe reicht von hellblau über bläulich-violett bis zartlila.
Frucht & Wurzel: Aus den Blüten reift eine flache, kahle (unbehaarte) Hülsenfrucht mit wenigen Samen. Genau dieses glatte Hülschen gab der Art ihren lateinischen Beinamen glabra („kahl, glatt”). Der genutzte Teil ist der Wurzelstock: eine kräftige Pfahlwurzel mit langen, waagerechten Ausläufern, außen graubraun, im Bruch gelb und süß schmeckend.
Verwechslungsgefahr: Wer wild „süßes Laub” findet, hat in Mitteleuropa meist die Bärenschote (Astragalus glycyphyllos) vor sich, im Volksmund auch „Wildes Süßholz” genannt. Sie gehört zwar zur selben Familie und schmeckt mild süßlich, ist aber eine andere Gattung und galt in der Überlieferung nicht als Ersatz. Vom echten Süßholz lassen sich zudem das Russische Süßholz (Glycyrrhiza echinata) und das Chinesische Süßholz (Glycyrrhiza uralensis) unterscheiden – Ersteres trägt im Gegensatz zur glatten Hülse der glabra stachelige Fruchthülsen.
Standort & Verbreitung
Das Echte Süßholz ist im Mittelmeerraum, in Südosteuropa sowie in Vorder- und Mittelasien heimisch. Angebaut wird es bis heute vor allem in Spanien, Italien (besonders in Kalabrien), der Türkei, im Iran und in Südrussland. In Mitteleuropa kommt es nicht wild vor; es ist hier seit dem Mittelalter eine reine Garten- und Feldkultur.
Süßholz braucht es warm und tiefgründig: Es bevorzugt vollsonnige Lagen und nährstoffreiche, lockere, eher sandig-lehmige Böden, in denen die lange Pfahlwurzel ungehindert nach unten wachsen kann. Staunässe und schwere, verdichtete Erde verträgt es schlecht.
Anbau im Garten: Die Vermehrung gelingt am zuverlässigsten über Wurzelstücke oder Ausläufer, da die Samen nur zögerlich keimen. Pflanzabstand großzügig wählen (40–50 cm), denn die Pflanze breitet sich über ihre Ausläufer aus. Süßholz ist in milden Lagen bedingt winterhart – in rauen Gegenden hilft eine Mulchdecke über dem Wurzelbereich. Bis zur ersten Wurzelernte braucht es Geduld: drei bis vier Jahre, bis sich die Wurzeln gehaltvoll entwickelt haben.
Ernte & Sammlung
Erntezeit: Oktober bis November des dritten oder vierten Standjahres. Im Herbst, wenn das Laub welkt und die Pflanze ihre Kräfte in die Wurzel zurückzieht, sind die Wurzeln am gehaltvollsten.
Pflanzenteil: Wurzelstock und die langen Ausläufer. Mit der Grabgabel großzügig ausheben, denn die Pfahlwurzel reicht tief. Die Wurzeln gründlich von Erde befreien, waschen, in fingerlange Stücke schneiden und ungeschält oder geschält weiterverarbeiten.
Trocknung: An einem luftigen, schattigen Ort bei höchstens 40 °C trocknen. Dickere Wurzelstücke vorher längs spalten, damit sie gleichmäßig durchtrocknen. Trocknungsdauer: 1–2 Wochen, bis die Stücke hart sind und beim Brechen splittern.
Haltbarkeit: In verschlossenen, lichtgeschützten Gefäßen 2–3 Jahre haltbar. Gut getrocknete Süßholzwurzel behält ihren süßen Geschmack lange; wird sie weich oder schmeckt fad, ist sie überlagert.
Inhaltsstoffe
| Wirkstoffgruppe | Hauptvertreter | Gehalt |
|---|---|---|
| Triterpensaponine | Glycyrrhizin (Glycyrrhizinsäure) | 2–15 % |
| Flavonoide | Liquiritin, Isoliquiritin, Liquiritigenin | 1–2 % |
| Chalkone | Isoliquiritigenin | Spuren |
| Cumarine | Herniarin, Umbelliferon | Spuren |
| Polysaccharide & Stärke | Glucane, Stärke | 20–30 % |
| Phytosterole | β-Sitosterol | Spuren |
Glycyrrhizin, das Kalium- und Calciumsalz der Glycyrrhizinsäure, ist der Leitstoff der Wurzel. Es ist etwa 50-mal süßer als Haushaltszucker und gibt dem Süßholz Namen wie Geschmack. Beim Eindicken des Wurzelsafts reichert es sich an – so entsteht die Lakritze.
Liquiritin und Isoliquiritigenin gehören zu den Flavonoiden und Chalkonen, gelblichen Pflanzenfarbstoffen, die für die helle Farbe des Wurzelinneren mitverantwortlich sind. Die hohen Anteile an Stärke und Schleimstoffen machen einen länger ausgekochten Süßholzsud sämig und weich – ein Grund, weshalb die Wurzel in alten Hustenmischungen so geschätzt war.
Anwendung
Süßholzwurzel-Tee (innerlich)
Zubereitung: 1 Teelöffel (2–3 g) zerkleinerte Süßholzwurzel mit 150 ml kaltem Wasser ansetzen, aufkochen und 5 Minuten leise köcheln lassen (Abkochung), dann abseihen.
Dosierung: 1–2 Tassen täglich, jeweils nach den Mahlzeiten. Nicht länger als vier bis sechs Wochen ohne Pause anwenden.
Traditionell verwendet bei: Sodbrennen, saurem Aufstoßen, Magendrücken, empfindlichem Magen.
Süßholz-Teemischung mit Thymian und Spitzwegerich (innerlich)
Zubereitung: Je 1 Teil Süßholzwurzel, Thymiankraut und Spitzwegerichblätter mischen. 1 Esslöffel der Mischung mit 250 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.
Dosierung: 2–3 Tassen täglich während der Erkältungszeit, gern mit etwas Honig.
Traditionell verwendet bei: festsitzendem, verschleimtem Husten, rauem Hals.
Süßholz-Kaltauszug (innerlich)
Zubereitung: 1 Teelöffel zerkleinerte Wurzel mit 200 ml kaltem Wasser ansetzen und über Nacht (8–10 Stunden) zugedeckt ziehen lassen, dann abseihen und leicht erwärmen. Der Kaltauszug schmeckt milder und weniger herb.
Traditionell verwendet bei: empfindlichem Magen, säuerlichem Aufstoßen.
Süßholz als Süßungs- und Korrigenszusatz
Zubereitung: Ein kleines Stück Süßholzwurzel beim Aufkochen bitterer Kräutertees mit in den Sud geben. Schon ein daumennagelgroßes Stück süßt spürbar und mildert herbe Bitterstoffe.
Hinweis: Die süßende Menge zur Glycyrrhizin-Aufnahme hinzurechnen – auch das beigegebene Stück zählt zur Tagesmenge (siehe Abschnitt „Sicherheit“).
Sicherheit
Glycyrrhizin – die wichtigste Grenze: Süßholz und Lakritze enthalten Glycyrrhizin. In größeren Mengen oder über längere Zeit kann es Wasser im Körper binden, den Kaliumspiegel senken und den Blutdruck steigen lassen. Wer dauerhaft mehr als rund 100 mg Glycyrrhizin pro Tag aufnimmt – das entspricht etwa 50 g Lakritze –, muss mit Wassereinlagerungen, Kopfschmerzen und steigendem Blutdruck rechnen. Süßholztee deshalb nicht länger als vier bis sechs Wochen am Stück anwenden und danach eine Pause einlegen. Wichtig: Auch Lakritze („Bärendreck”) und stark gesüßte Lakritzwaren zählen zur Tagesmenge.
Kontraindikationen:
- Nicht bei Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Leiden, Nierenleiden oder Leberleiden anwenden.
- Nicht bei bekanntem Kaliummangel (Hypokaliämie).
- Größere Mengen nicht über lange Zeit und nicht bei Kindern einsetzen.
Schwangerschaft & Stillzeit: In der Schwangerschaft auf größere Mengen Süßholz und Lakritze verzichten – ein hoher Lakritzkonsum wird mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt in Verbindung gebracht. Auch in der Stillzeit nur sparsam, nicht über längere Zeit und nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin verwenden.
Wechselwirkungen: Süßholz kann den Kaliumverlust durch entwässernde Mittel (Diuretika) und durch Abführmittel verstärken. Ein niedriger Kaliumspiegel erhöht zudem die Empfindlichkeit gegenüber Herzglykosiden (Digoxin) – das kann gefährlich werden. Bei gleichzeitiger Einnahme von Kortison-Präparaten, blutdrucksenkenden Mitteln oder harntreibenden Medikamenten vor der regelmäßigen Anwendung ärztlichen Rat einholen.
Warnzeichen: Bei Wassereinlagerungen, geschwollenen Beinen, anhaltenden Kopfschmerzen, Muskelschwäche oder Herzstolpern die Anwendung sofort beenden und ärztlichen Rat suchen – das können Anzeichen eines durch Glycyrrhizin ausgelösten Kaliummangels sein.
Grenzen des Hausgebrauchs: Anhaltendes oder starkes Sodbrennen, wiederkehrende Magenschmerzen, Blut im Stuhl oder ein Husten, der länger als zwei bis drei Wochen bleibt, gehören in ärztliche Hände und nicht in die Teekanne.
Querverweise
Hausmittel: Thymiansirup – die süße Süßholzwurzel passt traditionell in Mischungen für die Erkältungszeit
Verwandte Kräuter: Thymian (klassisches Brustkraut, gut mit Süßholz kombinierbar), Spitzwegerich (in der Volksheilkunde ebenfalls bei Husten geschätzt), Kamille (traditionell bei Magendrücken und säuerlichem Magen)
Heilsteine: Citrin – wird in der Steinheilkunde dem Magen und der Verdauung zugeordnet und ergänzend aufgelegt
Anwendungen: Süßholz wird traditionell bei Sodbrennen, Empfindlicher Darm, Magenschmerzen und Husten verwendet