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Hildegard von Bingen: Ihre wichtigsten Küchenkräuter.

Galgant, Bertram, Fenchel, Quendel: Eine Reise durch die Kräuterküche der Hildegard von Bingen. Wer sie war, warum ihr Wissen bis heute weiterlebt und welche Pflanzen ihr Lieblinge waren.

Redaktion Altes Wissen
Hildegard von Bingen: Ihre wichtigsten Küchenkräuter
Auf dieser Seite8Abschnitte
  1. Eine Stimme aus dem 12. Jahrhundert
  2. Galgant – das „Gewürz des Lebens”
  3. Bertram – die fast vergessene Wurzel
  4. Fenchel – das Lieblingskraut für jeden Tag
  5. Quendel – der wilde Thymian der Wiesen
  6. Salbei, Schafgarbe und die Würzkräuter des Klostergartens
  7. Warum ihr Wissen weiterlebt
  8. Die alte Küche neu entdecken

Eine Stimme aus dem 12. Jahrhundert

Wenn von Klostermedizin die Rede ist, fällt früher oder später ein Name: Hildegard von Bingen. 1098 in Bermersheim im Rheinhessischen geboren, kam sie als Kind in die Obhut der Benediktiner und verbrachte ihr langes Leben in den Klöstern am Rupertsberg und Disibodenberg. Sie war Äbtissin, Komponistin, Briefschreiberin an Päpste und Kaiser – und sie hinterließ zwei naturkundliche Werke, die bis heute zitiert werden: die Physica und die Causae et Curae.

Was sie für unser Thema so besonders macht, ist weniger das einzelne Rezept als die Haltung dahinter. Hildegard verstand Gesundheit als Gleichgewicht – das deckte sich mit der mittelalterlichen Säftelehre, die vier Körpersäfte und ihre Balance kannte. Kräuter waren in diesem Denken keine Pillen, sondern Mittel, das Maß zu halten. Und vieles davon spielte sich nicht in der Apotheke ab, sondern am Herd. Hildegards Küche war ihre erste Werkstatt.

Dieser Artikel führt dich durch ihre wichtigsten Küchenkräuter – als Kulturgeschichte, nicht als Anleitung. Manches davon findest du noch heute im Gewürzregal, anderes ist fast vergessen.

Galgant – das „Gewürz des Lebens”

Kaum eine Pflanze ist so eng mit Hildegards Namen verknüpft wie der Galgant. Die scharf-würzige Wurzel, eine Verwandte des Ingwers aus Südostasien, gelangte über die Handelswege des Mittelalters bis in die Rheinhessischen Klostergärten. Hildegard nannte ihn in der Physica überschwänglich – für sie zählte er zu den „warmen” Pflanzen, die nach der Säftelehre Wärme und Lebenskraft spenden sollten.

In der Klostermedizin galt Galgant als Stärkungsmittel für das Herz und gegen die innere Kälte. Bis heute trägt er bei Anhängern der Hildegard-Tradition den Beinamen „Gewürz des Lebens”. In der Küche wanderte die geriebene Wurzel in Wein, in Würzmischungen und in das berühmte Galgant-Gebäck. Sein Geschmack ist schwer zu vergessen: zugleich pfeffrig, harzig und ein wenig nach Zitrus.

Bertram – die fast vergessene Wurzel

Wenn ein Kraut als „Hildegard-Gewürz” schlechthin gilt, dann der Bertram (Anacyclus pyrethrum). Außerhalb der Hildegard-Tradition ist er heute kaum bekannt, dabei rückte sie ihn ganz nach vorn: Bertram sollte „den Menschen gesund machen” und die Verdauung in Gang halten – ein Gedanke, der gut zu ihrer Vorstellung vom Gleichgewicht der Säfte passte.

Das fein gemahlene Wurzelpulver hat einen prickelnden, leicht scharfen Geschmack, der auf der Zunge ein Kribbeln hinterlässt. In Hildegards Sinne kam es als Würze ans Essen – über Suppen, in Teigwaren, ins Brot. Wer heute der Hildegard-Küche folgt, hält das kleine Glas Bertram-Pulver oft griffbereit neben Salz und Pfeffer. Eine schöne Erinnerung daran, dass Gewürze einmal mehr waren als bloßer Geschmack.

Fenchel – das Lieblingskraut für jeden Tag

Beim Fenchel wird Hildegard geradezu poetisch. „Wie auch immer er gegessen wird, er macht den Menschen fröhlich” – so überliefert es die Physica sinngemäß. Kaum eine andere Pflanze empfahl sie so vorbehaltlos und für so viele Gelegenheiten. Fenchel war für sie ein Alltagskraut, das auf jeden Tisch gehörte.

In der Klostermedizin schrieb man dem Fenchel zu, schwere Speisen leichter und den Atem frisch zu machen – beides Gründe, warum die Samen über Jahrhunderte nach dem Essen gekaut wurden. Diese Tradition reicht bis heute, vom Fenchel-Anis-Tee bis zu den kandierten Samen mancher Restaurants. Auf altes-wissen findest du die Pflanze in unserer Monografie zum Fenchelöl, das die süßlich-anisige Note der Samen in konzentrierter Form trägt.

Quendel – der wilde Thymian der Wiesen

Quendel ist der alte Name für den wilden Thymian (Thymus serpyllum), der über sonnige Hänge und Magerwiesen kriecht. Hildegard zählte ihn zu den nützlichen Küchen- und Heilkräutern und ordnete ihn – wie so vieles – den wärmenden Pflanzen zu. In den Klostergärten war er ein vertrauter Begleiter, würzig im Duft und genügsam im Wuchs.

In der Volksheilkunde teilt der Quendel viele Überlieferungen mit seinem kultivierten Verwandten: Beide galten als Kräuter für die Atemwege und für eine gute Verdauung. Heute steht das ganze Geschlecht in unserer Monografie zum Thymian – dort liest du, wie aus dem wilden Wiesenkraut über die Jahrhunderte ein Klassiker des Küchengartens wurde.

Salbei, Schafgarbe und die Würzkräuter des Klostergartens

Hildegards Garten war reich, und viele ihrer Lieblinge stehen noch heute in jedem Kräuterbeet. Den Salbei – schon sein lateinischer Name Salvia leitet sich von salvare, „heilen, retten”, ab – führte sie als „warmes” Kraut, das man trocken oder gekocht zu sich nehme. In den Klöstern war der Salbei so geschätzt, dass eine alte lateinische Schulregel fragte: „Warum sollte der sterben, in dessen Garten Salbei wächst?”

Auch die Schafgarbe hatte ihren festen Platz – ein altes Wundkraut der Wiesen, dessen feine Blättchen man würzend an Speisen gab. Und über das Johanniskraut, das zur Sonnwendzeit gelb aufblüht, ranken sich Klosterbräuche bis in die heutigen Kräutersträuße. Wo Wärme zu viel wurde, griff die Klostermedizin zu den bitteren Pflanzen: Der Wermut galt als König der bitteren Kräuter, gegen die „schwarze Galle” der Säftelehre, und wanderte gut dosiert in Würzweine. Hildegards Garten war damit ein kleines Abbild ihrer ganzen Lehre – ein Pflanzenkreis, der das Maß halten sollte.

Warum ihr Wissen weiterlebt

Hildegards Texte sind keine Kochbücher im modernen Sinn, und vieles darin gehört in seine Zeit – in die Bildwelt der Säftelehre und einer mittelalterlichen Naturschau. Trotzdem werden ihre Schriften bis heute gelesen, und ihr Name steht über ganzen Regalmetern an Ratgebern. Das hat einen einfachen Grund: Sie schrieb über Pflanzen, die in unseren Gärten und Küchen real sind, in einer Sprache voller Wärme und Anschaulichkeit.

Es lohnt sich, sie als das zu lesen, was sie ist – ein Zeugnis ihrer Epoche, kein Gesundheitsratgeber für unsere. Hildegards Galgant-Plätzchen oder ihr Bertram-Pulver sind ein Stück gelebter Kulturgeschichte, die man am Küchentisch wieder aufleben lassen kann.

Wann zum Arzt? Hildegards Werke sind historische Quellen, kein medizinischer Rat. Wer Beschwerden hat, die nicht von selbst abklingen, sich verschlimmern oder mit Fieber, starken Schmerzen oder Atemnot einhergehen, gehört in ärztliche Hände – nicht ins Kräuterbuch des 12. Jahrhunderts. Mancher Klassiker der Klosterküche ist außerdem nicht für jeden geeignet: Den bitteren Wermut in Schwangerschaft und Stillzeit nicht einnehmen, und auch bei den übrigen Klosterkräutern gilt in der Schwangerschaft besondere Zurückhaltung.

Die alte Küche neu entdecken

Das Schöne an Hildegards Küchenkräutern ist, wie nah sie uns noch sind. Fenchelsamen liegen im Gewürzregal, Salbei wächst im Topf auf der Fensterbank, Thymian würzt das Sonntagsessen. Wer mag, holt sich Galgant und Bertram dazu und kostet einmal nach, wie eine Äbtissin vor neunhundert Jahren ihr Essen abgeschmeckt hat. Nicht als Kur, sondern aus Neugier auf ein Stück Geschichte, das in der Pfanne duftet.

Die Inhalte auf altes-wissen.org dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultiere bei gesundheitlichen Beschwerden immer eine Ärztin oder einen Arzt.