Leben
Über das Leben des Pedanios Dioskurides ist wenig bekannt, und fast alles stammt aus seiner eigenen Feder: aus dem Widmungsbrief, den er seinem Arzneibuch voranstellte. Er kam aus Anazarbos in Kilikien, einer Stadt im Südosten der heutigen Türkei, und lebte im 1. Jahrhundert n. Chr., zur Zeit Kaiser Neros. Vermutlich wurde er im nahen Tarsos ausgebildet, damals ein Zentrum der Arzneimittelforschung. Dem Arzt Areios aus Tarsos, mit dem er nach eigener Angabe eng verbunden war, widmete er später sein Werk.
In dieser Vorrede beschreibt Dioskurides sein Leben als soldatenähnlich. Er habe viel gereist, Pflanzen nach Möglichkeit selbst in Augenschein genommen, die Menschen vor Ort befragt und die älteren Schriften geprüft, unter ihnen die des Wurzelkundigen Krateuas. Daraus schloss die Forschung lange, er sei Militärarzt im römischen Heer gewesen. Ob er tatsächlich mit den Legionen zog, wie lange und in welcher Stellung, ist bis heute umstritten. Sicher ist, dass sein Wissen aus Beobachtung und Befragung in der griechischsprachigen Welt des östlichen Mittelmeers stammt, nicht allein aus Büchern.
Werk
Sein Hauptwerk trägt den griechischen Titel Peri hylēs iatrikēs, „Über den Arzneistoff“, und ist unter dem lateinischen Namen De materia medica bekannt geworden. Entstanden wohl zwischen 60 und 78 n. Chr., umfasst es fünf Bücher mit rund 600 Pflanzen sowie Arzneistoffen tierischer und mineralischer Herkunft. Das erste Buch versammelt Duftstoffe, Salböle, Harze und Bäume, darunter Myrrhe und Weihrauch. Die folgenden Bücher führen über Tierisches, Getreide und Gemüse zu Wurzeln, Kräutern und Samen; das fünfte endet bei Weinen, Erzen und Erden.
Neu war die Ordnung. Dioskurides reihte die Stoffe nicht alphabetisch, sondern nach Verwandtschaft und nach der Kraft, die er ihnen zuschrieb. Jeder Eintrag folgt einem wiederkehrenden Muster aus Namen und Synonymen, Beschreibung, Standort, Zubereitung und Anwendung. Beim Salbei etwa nennt er neben dem griechischen Elelisphakon auch die römische Bezeichnung Salvia, beschreibt die vierkantigen, weißlichen Zweige und die rauen, stark duftenden Blätter und hält fest, dass die Pflanze an rauen Stellen wächst. Erst danach folgt, wofür er die Abkochung aus Blättern und Zweigen empfahl.
Auch Handwerk und Warenkunde haben ihren Platz. Für ein Rosenöl ließ er getrocknete Rosenblätter einen Tag lang in Öl durchkneten, über Nacht ruhen und dann auspressen, ein Ölauszug also, kein Destillat wie das heutige ätherische Rosenöl. Beim Weihrauch schildert er, dass Händler das Harz mit Fichtenharz und Gummi streckten, und gibt eine einfache Brennprobe an: Gummi fängt kein Feuer, Fichtenharz qualmt, echter Weihrauch entzündet sich.
Bedeutung für die Heilkunde
Kaum ein Buch der Medizingeschichte hat so lange nachgewirkt. Über 1500 Jahre blieb De materia medica das maßgebliche Arzneimittelbuch Europas und der arabischen Welt; Dioskurides gilt deshalb als Begründer der Arzneimittelkunde, der Pharmakognosie. Im 9. Jahrhundert wurde der Text in Bagdad über das Syrische ins Arabische übertragen und floss von dort in die Heilmittellehre der arabischen Ärzte ein, bis in den Kanon der Medizin des Avicenna.
Die berühmteste Abschrift ist der Wiener Dioskurides, eine Prachthandschrift, die um 512 in Konstantinopel für die Stifterin Anicia Juliana entstand, nach der Überlieferung ein Geschenk der Bürger eines Vororts, in dem sie eine Kirche hatte errichten lassen. Hunderte ganzseitiger Pflanzenbilder machen sie zu einem der kostbarsten Zeugnisse der Pflanzenkunde. 1569 wurde die Handschrift für die kaiserliche Hofbibliothek in Wien erworben; heute bewahrt sie die Österreichische Nationalbibliothek, und seit 1997 gehört sie zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.
In der Renaissance wurde Dioskurides zur Grundlage der neuen Kräuterbücher. Der italienische Arzt Pietro Andrea Mattioli veröffentlichte 1544 in Venedig eine italienische Ausgabe mit ausführlichem Kommentar, dem 1554 eine lateinische, reich bebilderte Fassung folgte; Übersetzungen ins Französische, Tschechische und Deutsche schlossen sich an. Bis heute beginnen viele Pflanzengeschichten bei ihm, auch in den Monografien dieser Sammlung: beim Fenchel ebenso wie beim Wermut oder beim Süßholz, dessen griechischer Name Glykyrrhiza, „süße Wurzel“, als botanischer Gattungsname fortlebt.
Einordnung aus heutiger Sicht
Die Überlieferung des Werks ist verwickelt. Schon im 2. Jahrhundert kursierten bearbeitete Fassungen, und der Wiener Codex ordnet die Pflanzen alphabetisch statt nach dem ursprünglichen System. Lateinische Bearbeitungen des Mittelalters veränderten und ergänzten den Text weiter; erst Max Wellmann legte zwischen 1906 und 1914 eine kritische Ausgabe des griechischen Textes vor, auf der die heutigen Übersetzungen beruhen.
Wie um viele große Namen legte sich auch um Dioskurides ein Kranz von Zuschreibungen. Mehrere Schriften liefen unter seinem Namen, etwa ein Kräuterbuch De herbis femininis oder Listen von Ersatzmitteln; ein Steinbuch, das als sein Werk galt, stammt von Damigeron. Heute gilt allein De materia medica als sicher von ihm verfasst.
Auch die Zuordnung seiner Pflanzennamen zu heutigen Arten ist nicht in jedem Fall gesichert, manche Bestimmung beruht auf Vermutung. Schon Ibn al-Baitar im 13. Jahrhundert und später Mattioli bemühten sich, seine Beschreibungen den Pflanzen ihrer eigenen Umgebung zuzuordnen. Die Anwendungen, die Dioskurides lehrte, gehören in die Medizin seiner Zeit, die von erwärmenden, zusammenziehenden oder austrocknenden Kräften der Stoffe sprach. Gerade darin liegt ihr Wert als Quelle: Sie zeigen, wie ein Arzt vor fast zweitausend Jahren Pflanzen beobachtete, benannte und ordnete, und wie viel davon über Abschriften, Übersetzungen und Kommentare bis in die Kräuterbücher der Neuzeit weitergereicht wurde.