Volksheilkunde & Geschichte
Die Kamille blickt auf eine über 5000 Jahre alte Nutzungsgeschichte zurück. Die alten Ägypter weihten sie dem Sonnengott Ra und nutzten sie zur Einbalsamierung. Der griechische Arzt Dioskurides empfahl sie im 1. Jahrhundert bei Blasenleiden und Kopfschmerzen.
In der germanischen Tradition gehörte die Kamille zu den neun heiligen Kräutern des „Neunkräutersegens” (angelsächsisches Manuskript, 10. Jh.). Im Mittelalter war sie fester Bestandteil jedes Klostergartens – der Abt von Reichenau, Walahfrid Strabo, beschrieb sie im 9. Jahrhundert in seinem Gartengedicht „Hortulus”.
Die Signaturenlehre des Paracelsus ordnete die Kamille der Sonne zu – ihre strahlenförmigen weißen Blütenblätter um den goldenen Kern galten als Abbild des Gestirns. Daher setzte man sie bei „Sonnenkrankheiten” ein: Fieber, hitzigen Schwellungen und Hautrötungen – eine historische Denkweise, die Pflanzen nach Gestalt und Wesen deutete.
In der bayerischen und österreichischen Volkstradition gehört Kamillentee bis heute zum Standardrepertoire der Hausapotheke. Das Sprichwort „Kamillentee hilft immer” spiegelt, wie tief das Kraut im Alltagswissen verwurzelt ist.
Überlieferte Wirkung
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.
Ihr erstes Reich war der Magen. Wenn es nach schwerem Essen drückte oder der Bauch sich verkrampfte, kam auf dem Land die Kanne Kamillentee auf den Herd – oft als sogenannte Rollkur: eine Tasse auf nüchternen Magen trinken, dann je ein paar Minuten auf den Rücken, auf jede Seite und auf den Bauch legen, damit der Aufguss, so die Vorstellung des Hausgebrauchs, alle Magenwände benetzt. Der Überlieferung nach sollte die Blüte Krämpfe lösen und Blähungen vertreiben.
Auf der Haut hatte die Kamille ihren zweiten großen Auftritt. Alte Kräuterbücher empfehlen abgekühlte Aufgüsse als Waschung und Umschlag bei wunden, geröteten oder juckenden Stellen; in vielen Familien gehörte der Kamillenumschlag zu den ersten Handgriffen bei Schrammen und Insektenstichen. Man sagte den Blüten eine „ausziehende” Art nach – ein Wort der alten Hausmedizin für alles, was Rötung und Schwellung aus dem Gewebe holen sollte.
Beim ersten Kratzen im Hals und bei verstopfter Nase hieß es: Kopf über die dampfende Schüssel. Das Kamillendampfbad gehörte in vielen Häusern fest zur Erkältungszeit, ebenso das Gurgeln mit lauwarmem Tee.
Und schließlich der Abend: Wem ein aufreibender Tag in den Gliedern steckte, dem stellte man eine Tasse Kamillentee ans Bett. In der Volksheilkunde gilt die Kamille als mildes Ruhekraut für Leib und Gemüt zugleich.
Basiswissen
„Chamaimelon” nannten die alten Griechen die Kamille – „Erdapfel”, weil ihre frischen Blütenköpfchen beim Zerreiben nach reifem Apfel duften. Der Gattungsname Matricaria führt auf das lateinische „matrix” zurück, den Mutterleib: ein Fingerzeig auf den alten Platz der Kamille in der Frauenheilkunde. Und wer auf dem Dorf vom „Hermel” sprach, meinte dieselbe Pflanze – Volksnamen in solcher Zahl verraten, wie fest die Kamille im Alltag verwurzelt war.
Gesucht werden muss sie selten: Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) wächst als Kulturfolger an Ackerrändern, auf Brachen und in Bauerngärten, von Mai bis in den September hinein. In der Volksheilkunde galt sie als das Kraut, das in keiner Hausapotheke fehlen durfte – ihr Tee stand bei Magendrücken ebenso auf dem Herd wie am Abend vor dem Schlafengehen, ihre Blüten wanderten in Dampfbäder, Umschläge und Sitzbäder.
Botanische Merkmale
Die Echte Kamille ist eine einjährige, krautige Pflanze, die 20–50 cm hoch wird. Ihr aufrechter, stark verzweigter Stängel trägt fein gefiederte, fadenförmige Blätter, die wechselständig angeordnet sind.
Blütenköpfchen: Die charakteristischen Blütenkörbchen bestehen aus weißen Zungenblüten am Rand und gelben Röhrenblüten in der Mitte. Ein sicheres Erkennungsmerkmal ist der hohle, kegelförmige Blütenboden – schneidet man das Köpfchen längs durch, zeigt sich ein deutlicher Hohlraum. Dieses Merkmal unterscheidet die Echte Kamille zuverlässig von der Strahlenlosen Kamille und der Hundskamille.
Geruch: Intensiv aromatisch, süßlich-krautig mit dem typischen „Kamillenduft”. Beim Zerreiben der Blüten verstärkt sich der Geruch deutlich.
Verwechslungsgefahr: Die Hundskamille (Anthemis cotula) sieht ähnlich aus, hat aber einen vollen (nicht hohlen) Blütenboden und riecht unangenehm. Die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea) hat keine weißen Zungenblüten.
Standort & Verbreitung
Die Echte Kamille ist in ganz Europa, Westasien und Nordafrika heimisch. In Mitteleuropa wächst sie häufig an Wegrändern, auf Äckern, Brachflächen und in Gärten. Sie bevorzugt nährstoffreiche, lehmige bis sandige Böden in sonniger Lage.
Als Kulturfolger gedeiht sie besonders gut auf gestörten Böden – Ackerränder, Schuttplätze und frisch umgegrabene Gartenbeete. Wild wachsende Kamille findet man von Mai bis September in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Anbau im Garten: Die Kamille ist genügsam und pflegeleicht. Aussaat im Frühjahr (März–April) direkt ins Freiland, Lichtkeimer – Samen nur andrücken, nicht bedecken. Abstand 20–25 cm. Sie sät sich leicht selbst aus.
Ernte & Sammlung
Erntezeit: Mai bis August, idealerweise bei trockenem Wetter am späten Vormittag, wenn der Morgentau abgetrocknet ist.
Pflanzenteil: Ausschließlich die Blütenköpfchen, kurz nach dem vollständigen Aufblühen geerntet – wenn die weißen Zungenblüten waagerecht stehen oder leicht nach unten zeigen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Gehalt an ätherischem Öl am höchsten.
Trocknung: An einem schattigen, luftigen Ort bei maximal 40 °C trocknen. Die Blüten in dünner Schicht auf einem Gitter oder Tuch ausbreiten und regelmäßig wenden. Trocknungsdauer: 5–10 Tage.
Haltbarkeit: In luftdichten, lichtgeschützten Gefäßen (dunkles Glas oder Papiertüten) bis zu 1 Jahr haltbar. Verliert die Ware ihren typischen Apfelduft, ist sie überlagert – dann gehört sie auf den Kompost, nicht in die Teekanne.
Inhaltsstoffe
| Wirkstoffgruppe | Hauptvertreter | Gehalt |
|---|---|---|
| Ätherisches Öl | α-Bisabolol, Chamazulen, Bisabololoxide | 0,3–1,5 % |
| Flavonoide | Apigenin, Luteolin, Quercetin | 1–3 % |
| Cumarine | Umbelliferon, Herniarin | Spuren |
| Schleimstoffe | Galacturonan-Polysaccharide | 3–10 % |
| Phenolcarbonsäuren | Kaffeesäure, Chlorogensäure | Spuren |
Chamazulen entsteht erst bei der Wasserdampfdestillation aus dem farblosen Matricin und verleiht dem ätherischen Kamillenöl seine charakteristische tiefblaue Farbe. Im Teeaufguss ist es daher kaum enthalten – dort stammen die wirksamen Anteile vor allem aus Flavonoiden und Schleimstoffen.
Apigenin und Luteolin zählen zu den Flavonoiden, einer Gruppe gelblicher Pflanzenfarbstoffe. Die Schleimstoffe quellen im heißen Wasser auf und machen einen lange gezogenen Kamillentee weich und mild im Geschmack.
Anwendung
Kamillentee (innerlich)
Zubereitung: 1–2 gehäufte Teelöffel getrocknete Kamillenblüten mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.
Dosierung: 3–4 Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten.
Traditionell verwendet bei: Magendrücken, Blähungen, leichten Krämpfen, Sodbrennen, Unruhe, Einschlafproblemen.
Kamillendampfbad (äußerlich)
Zubereitung: 3–4 Esslöffel getrocknete Kamillenblüten in eine Schüssel geben, mit 1 Liter kochendem Wasser übergießen. Kopf über die Schüssel halten, mit einem Handtuch abdecken, 10 Minuten inhalieren.
Traditionell verwendet bei: Schnupfen, verstopfter Nase, unreiner Haut, Erkältung.
Kamillen-Umschlag (äußerlich)
Zubereitung: Starken Kamillentee zubereiten (3 EL auf 250 ml), abkühlen lassen. Ein sauberes Tuch tränken und auf die betroffene Stelle legen.
Traditionell verwendet bei: kleinen Wunden, gereizten oder juckenden Hautstellen, Insektenstichen.
Kamillen-Sitzbad
Zubereitung: 50 g getrocknete Kamillenblüten in 5 Liter heißem Wasser 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und auf angenehme Temperatur abkühlen.
Traditionell verwendet bei: Hämorrhoiden, wunden und gereizten Stellen im Intimbereich.
Kamillentinktur
Zubereitung: 20 g getrocknete Kamillenblüten in 100 ml Alkohol (40–60 %) einlegen, 2 Wochen an einem dunklen Ort ziehen lassen, täglich schütteln, abseihen.
Dosierung: 20–30 Tropfen in etwas Wasser, bis zu 3-mal täglich.
Sicherheit
Kontraindikationen:
- Allergie gegen Korbblütler (Asteraceae) – betrifft auch Arnika, Ringelblume, Schafgarbe, Beifuß. Bei bekannter Korbblütler-Allergie auf Kamille verzichten.
- Nicht am Auge anwenden (kann reizen).
- Kamillentee nicht mit Eisenpräparaten kombinieren (hemmt die Aufnahme) – mindestens 2 Stunden Abstand einhalten.
Kreuzallergien: Personen mit bekannter Beifuß-Allergie oder Sellerie-Karotten-Gewürz-Syndrom reagieren häufiger auf Kamille. Beim ersten Gebrauch auf Hautreaktionen achten und bei Rötung, Juckreiz oder Schwellung sofort absetzen.
Schwangerschaft & Stillzeit: Kamillentee höchstens in üblichen Mengen (2–3 Tassen/Tag) und nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin trinken. Kamillenöl in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin verwenden.
Kinder: Unter 6 Monaten keinen Kamillentee geben. Ab 6 Monaten höchstens verdünnt und nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis. Kamillenbäder bei Neugeborenen und Säuglingen nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis.
Wechselwirkungen: Kamille kann die Wirkung von Blutverdünnern (Cumarin-Derivate wie Phenprocoumon) verstärken – bei Einnahme solcher Medikamente regelmäßigen Kamillenkonsum vorher ärztlich abklären. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- oder Schlafmitteln kann sich die dämpfende Wirkung addieren.
Grenzen des Hausgebrauchs: Anhaltende oder starke Magenschmerzen, Fieber, eitrige Wunden oder sich ausbreitende Hautausschläge gehören in ärztliche Hände.
Querverweise
Ätherische Öle: Kamillenöl – gewonnen aus den Blütenköpfchen, tiefblau gefärbt durch Chamazulen
Hausmittel: Kamillentee – der Klassiker der deutschen Hausmittel-Tradition; Honig-Gesichtsmaske – in der überlieferten Hautpflege gern mit Kamillenaufguss angerührt
Verwandte Kräuter: Ringelblume (gleiche Familie, in der Volksheilkunde traditionell für die Hautpflege geschätzt), Schafgarbe (gleiche Familie, im Hausgebrauch ähnlich bei Magen und Verdauung verwendet)
Heilsteine: Amethyst – wird in der Steinheilkunde traditionell ergänzend bei Unruhe und Schlafthemen aufgelegt