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Kräuter

Heilpflanze · Korbblütler (Asteraceae)

Kamille.

Matricaria chamomilla

Die Echte Kamille ist das Allerweltskraut der europäischen Volksheilkunde: ein anspruchsloser Korbblütler von Acker und Wegrand, dessen apfelduftende Blüten seit Jahrhunderten für Tee, Dampfbad und Umschlag gesammelt werden.

Von Ralf Kluth · Zuletzt redaktionell geprüft:

Magen & Verdauung Hautpflege Schlaf & Ruhe Teekräuter Garten & Sammeln
Familie
Korbblütler (Asteraceae)
Synonyme
Echte Kamille, Mutterkraut, Feldkamille, Hermel
Vor der Anwendung: Hinweise zu Sicherheit & Gegenanzeigen lesen
Kamille (Matricaria chamomilla) — botanische Illustration im Herbarium-Stil
Auf dieser Seite12Abschnitte
  1. 01 Häufige Fragen
  2. 02 Volksheilkunde & Geschichte
  3. 03 Überlieferte Wirkung
  4. 04 Basiswissen
  5. 05 Botanische Merkmale
  6. 06 Standort & Verbreitung
  7. 07 Ernte & Sammlung
  8. 08 Inhaltsstoffe
  9. 09 Anwendung
  10. 10 Sicherheit
  11. 11 Querverweise
  12. 12 Quellen & Literatur

Häufige Fragen

Wofür wird Kamille traditionell verwendet?
In der Volksheilkunde gilt die Kamille als Allerweltskraut der Hausapotheke: Ihr Tee wurde bei Magendrücken und Blähungen gereicht, der Dampf bei Schnupfen und unreiner Haut genutzt, der abgekühlte Aufguss als Umschlag auf gereizte Hautstellen gelegt. Auch als Abendtee, wenn der Tag nicht zur Ruhe kommen will, hat sie seit jeher ihren festen Platz.
Wie bereitet man Kamillentee zu?
Ein bis zwei gehäufte Teelöffel getrocknete Kamillenblüten mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Zugedeckt deshalb, weil sonst das ätherische Öl mit dem Dampf entweicht. Üblich sind drei bis vier Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten.
Woran erkennt man die Echte Kamille beim Sammeln?
Das sicherste Merkmal ist der hohle, kegelförmige Blütenboden: Schneidet man das Köpfchen längs durch, zeigt sich ein deutlicher Hohlraum. Dazu kommt der typische apfelartige Duft beim Zerreiben der Blüten. Die ähnlich aussehende Hundskamille hat einen vollen Blütenboden und riecht unangenehm.
Welche Nebenwirkungen und Risiken hat Kamille?
Wer auf Korbblütler wie Beifuß, Arnika oder Ringelblume allergisch reagiert, sollte auf Kamille verzichten. Kamillenzubereitungen nicht am Auge anwenden und Kamillentee nicht zusammen mit Eisenpräparaten trinken, da er deren Aufnahme hemmt. Kamille kann außerdem die Wirkung von Blutverdünnern verstärken – wer regelmäßig Medikamente einnimmt, klärt den täglichen Kamillenkonsum vorher ärztlich ab.

Volksheilkunde & Geschichte

Die Kamille blickt auf eine über 5000 Jahre alte Nutzungsgeschichte zurück. Die alten Ägypter weihten sie dem Sonnengott Ra und nutzten sie zur Einbalsamierung. Der griechische Arzt Dioskurides empfahl sie im 1. Jahrhundert bei Blasenleiden und Kopfschmerzen.

In der germanischen Tradition gehörte die Kamille zu den neun heiligen Kräutern des „Neunkräutersegens” (angelsächsisches Manuskript, 10. Jh.). Im Mittelalter war sie fester Bestandteil jedes Klostergartens – der Abt von Reichenau, Walahfrid Strabo, beschrieb sie im 9. Jahrhundert in seinem Gartengedicht „Hortulus”.

Die Signaturenlehre des Paracelsus ordnete die Kamille der Sonne zu – ihre strahlenförmigen weißen Blütenblätter um den goldenen Kern galten als Abbild des Gestirns. Daher setzte man sie bei „Sonnenkrankheiten” ein: Fieber, hitzigen Schwellungen und Hautrötungen – eine historische Denkweise, die Pflanzen nach Gestalt und Wesen deutete.

In der bayerischen und österreichischen Volkstradition gehört Kamillentee bis heute zum Standardrepertoire der Hausapotheke. Das Sprichwort „Kamillentee hilft immer” spiegelt, wie tief das Kraut im Alltagswissen verwurzelt ist.

Überlieferte Wirkung

Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.

Ihr erstes Reich war der Magen. Wenn es nach schwerem Essen drückte oder der Bauch sich verkrampfte, kam auf dem Land die Kanne Kamillentee auf den Herd – oft als sogenannte Rollkur: eine Tasse auf nüchternen Magen trinken, dann je ein paar Minuten auf den Rücken, auf jede Seite und auf den Bauch legen, damit der Aufguss, so die Vorstellung des Hausgebrauchs, alle Magenwände benetzt. Der Überlieferung nach sollte die Blüte Krämpfe lösen und Blähungen vertreiben.

Auf der Haut hatte die Kamille ihren zweiten großen Auftritt. Alte Kräuterbücher empfehlen abgekühlte Aufgüsse als Waschung und Umschlag bei wunden, geröteten oder juckenden Stellen; in vielen Familien gehörte der Kamillenumschlag zu den ersten Handgriffen bei Schrammen und Insektenstichen. Man sagte den Blüten eine „ausziehende” Art nach – ein Wort der alten Hausmedizin für alles, was Rötung und Schwellung aus dem Gewebe holen sollte.

Beim ersten Kratzen im Hals und bei verstopfter Nase hieß es: Kopf über die dampfende Schüssel. Das Kamillendampfbad gehörte in vielen Häusern fest zur Erkältungszeit, ebenso das Gurgeln mit lauwarmem Tee.

Und schließlich der Abend: Wem ein aufreibender Tag in den Gliedern steckte, dem stellte man eine Tasse Kamillentee ans Bett. In der Volksheilkunde gilt die Kamille als mildes Ruhekraut für Leib und Gemüt zugleich.

Basiswissen

„Chamaimelon” nannten die alten Griechen die Kamille – „Erdapfel”, weil ihre frischen Blütenköpfchen beim Zerreiben nach reifem Apfel duften. Der Gattungsname Matricaria führt auf das lateinische „matrix” zurück, den Mutterleib: ein Fingerzeig auf den alten Platz der Kamille in der Frauenheilkunde. Und wer auf dem Dorf vom „Hermel” sprach, meinte dieselbe Pflanze – Volksnamen in solcher Zahl verraten, wie fest die Kamille im Alltag verwurzelt war.

Gesucht werden muss sie selten: Die Echte Kamille (Matricaria chamomilla) wächst als Kulturfolger an Ackerrändern, auf Brachen und in Bauerngärten, von Mai bis in den September hinein. In der Volksheilkunde galt sie als das Kraut, das in keiner Hausapotheke fehlen durfte – ihr Tee stand bei Magendrücken ebenso auf dem Herd wie am Abend vor dem Schlafengehen, ihre Blüten wanderten in Dampfbäder, Umschläge und Sitzbäder.

Botanische Merkmale

Die Echte Kamille ist eine einjährige, krautige Pflanze, die 20–50 cm hoch wird. Ihr aufrechter, stark verzweigter Stängel trägt fein gefiederte, fadenförmige Blätter, die wechselständig angeordnet sind.

Blütenköpfchen: Die charakteristischen Blütenkörbchen bestehen aus weißen Zungenblüten am Rand und gelben Röhrenblüten in der Mitte. Ein sicheres Erkennungsmerkmal ist der hohle, kegelförmige Blütenboden – schneidet man das Köpfchen längs durch, zeigt sich ein deutlicher Hohlraum. Dieses Merkmal unterscheidet die Echte Kamille zuverlässig von der Strahlenlosen Kamille und der Hundskamille.

Geruch: Intensiv aromatisch, süßlich-krautig mit dem typischen „Kamillenduft”. Beim Zerreiben der Blüten verstärkt sich der Geruch deutlich.

Verwechslungsgefahr: Die Hundskamille (Anthemis cotula) sieht ähnlich aus, hat aber einen vollen (nicht hohlen) Blütenboden und riecht unangenehm. Die Strahlenlose Kamille (Matricaria discoidea) hat keine weißen Zungenblüten.

Standort & Verbreitung

Die Echte Kamille ist in ganz Europa, Westasien und Nordafrika heimisch. In Mitteleuropa wächst sie häufig an Wegrändern, auf Äckern, Brachflächen und in Gärten. Sie bevorzugt nährstoffreiche, lehmige bis sandige Böden in sonniger Lage.

Als Kulturfolger gedeiht sie besonders gut auf gestörten Böden – Ackerränder, Schuttplätze und frisch umgegrabene Gartenbeete. Wild wachsende Kamille findet man von Mai bis September in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Anbau im Garten: Die Kamille ist genügsam und pflegeleicht. Aussaat im Frühjahr (März–April) direkt ins Freiland, Lichtkeimer – Samen nur andrücken, nicht bedecken. Abstand 20–25 cm. Sie sät sich leicht selbst aus.

Ernte & Sammlung

Erntezeit: Mai bis August, idealerweise bei trockenem Wetter am späten Vormittag, wenn der Morgentau abgetrocknet ist.

Pflanzenteil: Ausschließlich die Blütenköpfchen, kurz nach dem vollständigen Aufblühen geerntet – wenn die weißen Zungenblüten waagerecht stehen oder leicht nach unten zeigen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Gehalt an ätherischem Öl am höchsten.

Trocknung: An einem schattigen, luftigen Ort bei maximal 40 °C trocknen. Die Blüten in dünner Schicht auf einem Gitter oder Tuch ausbreiten und regelmäßig wenden. Trocknungsdauer: 5–10 Tage.

Haltbarkeit: In luftdichten, lichtgeschützten Gefäßen (dunkles Glas oder Papiertüten) bis zu 1 Jahr haltbar. Verliert die Ware ihren typischen Apfelduft, ist sie überlagert – dann gehört sie auf den Kompost, nicht in die Teekanne.

Inhaltsstoffe

WirkstoffgruppeHauptvertreterGehalt
Ätherisches Ölα-Bisabolol, Chamazulen, Bisabololoxide0,3–1,5 %
FlavonoideApigenin, Luteolin, Quercetin1–3 %
CumarineUmbelliferon, HerniarinSpuren
SchleimstoffeGalacturonan-Polysaccharide3–10 %
PhenolcarbonsäurenKaffeesäure, ChlorogensäureSpuren

Chamazulen entsteht erst bei der Wasserdampfdestillation aus dem farblosen Matricin und verleiht dem ätherischen Kamillenöl seine charakteristische tiefblaue Farbe. Im Teeaufguss ist es daher kaum enthalten – dort stammen die wirksamen Anteile vor allem aus Flavonoiden und Schleimstoffen.

Apigenin und Luteolin zählen zu den Flavonoiden, einer Gruppe gelblicher Pflanzenfarbstoffe. Die Schleimstoffe quellen im heißen Wasser auf und machen einen lange gezogenen Kamillentee weich und mild im Geschmack.

Anwendung

Kamillentee (innerlich)

Zubereitung: 1–2 gehäufte Teelöffel getrocknete Kamillenblüten mit 200 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.

Dosierung: 3–4 Tassen täglich zwischen den Mahlzeiten.

Traditionell verwendet bei: Magendrücken, Blähungen, leichten Krämpfen, Sodbrennen, Unruhe, Einschlafproblemen.

Kamillendampfbad (äußerlich)

Zubereitung: 3–4 Esslöffel getrocknete Kamillenblüten in eine Schüssel geben, mit 1 Liter kochendem Wasser übergießen. Kopf über die Schüssel halten, mit einem Handtuch abdecken, 10 Minuten inhalieren.

Traditionell verwendet bei: Schnupfen, verstopfter Nase, unreiner Haut, Erkältung.

Kamillen-Umschlag (äußerlich)

Zubereitung: Starken Kamillentee zubereiten (3 EL auf 250 ml), abkühlen lassen. Ein sauberes Tuch tränken und auf die betroffene Stelle legen.

Traditionell verwendet bei: kleinen Wunden, gereizten oder juckenden Hautstellen, Insektenstichen.

Kamillen-Sitzbad

Zubereitung: 50 g getrocknete Kamillenblüten in 5 Liter heißem Wasser 15 Minuten ziehen lassen, abseihen und auf angenehme Temperatur abkühlen.

Traditionell verwendet bei: Hämorrhoiden, wunden und gereizten Stellen im Intimbereich.

Kamillentinktur

Zubereitung: 20 g getrocknete Kamillenblüten in 100 ml Alkohol (40–60 %) einlegen, 2 Wochen an einem dunklen Ort ziehen lassen, täglich schütteln, abseihen.

Dosierung: 20–30 Tropfen in etwas Wasser, bis zu 3-mal täglich.

Sicherheit

Kontraindikationen:

  • Allergie gegen Korbblütler (Asteraceae) – betrifft auch Arnika, Ringelblume, Schafgarbe, Beifuß. Bei bekannter Korbblütler-Allergie auf Kamille verzichten.
  • Nicht am Auge anwenden (kann reizen).
  • Kamillentee nicht mit Eisenpräparaten kombinieren (hemmt die Aufnahme) – mindestens 2 Stunden Abstand einhalten.

Kreuzallergien: Personen mit bekannter Beifuß-Allergie oder Sellerie-Karotten-Gewürz-Syndrom reagieren häufiger auf Kamille. Beim ersten Gebrauch auf Hautreaktionen achten und bei Rötung, Juckreiz oder Schwellung sofort absetzen.

Schwangerschaft & Stillzeit: Kamillentee höchstens in üblichen Mengen (2–3 Tassen/Tag) und nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin trinken. Kamillenöl in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin verwenden.

Kinder: Unter 6 Monaten keinen Kamillentee geben. Ab 6 Monaten höchstens verdünnt und nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis. Kamillenbäder bei Neugeborenen und Säuglingen nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis.

Wechselwirkungen: Kamille kann die Wirkung von Blutverdünnern (Cumarin-Derivate wie Phenprocoumon) verstärken – bei Einnahme solcher Medikamente regelmäßigen Kamillenkonsum vorher ärztlich abklären. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- oder Schlafmitteln kann sich die dämpfende Wirkung addieren.

Grenzen des Hausgebrauchs: Anhaltende oder starke Magenschmerzen, Fieber, eitrige Wunden oder sich ausbreitende Hautausschläge gehören in ärztliche Hände.

Querverweise

Ätherische Öle: Kamillenöl – gewonnen aus den Blütenköpfchen, tiefblau gefärbt durch Chamazulen

Hausmittel: Kamillentee – der Klassiker der deutschen Hausmittel-Tradition; Honig-Gesichtsmaske – in der überlieferten Hautpflege gern mit Kamillenaufguss angerührt

Verwandte Kräuter: Ringelblume (gleiche Familie, in der Volksheilkunde traditionell für die Hautpflege geschätzt), Schafgarbe (gleiche Familie, im Hausgebrauch ähnlich bei Magen und Verdauung verwendet)

Heilsteine: Amethyst – wird in der Steinheilkunde traditionell ergänzend bei Unruhe und Schlafthemen aufgelegt

Quellen & Literatur

  • Pedanios Dioskurides : „De materia medica“ (1. Jh. n. Chr.) — antikes Standardwerk der Arzneipflanzenkunde
  • Hildegard von Bingen : „Physica“ (12. Jh.) — Werk der mittelalterlichen Klostermedizin
  • Hieronymus Bock: „New Kreütter Buch“ (1539) — frühes deutsches Kräuterbuch der Renaissance
Heilpflanzen können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben. Die hier genannten Anwendungen ersetzen keinen Arztbesuch. Beachte die Sicherheitshinweise im Abschnitt „Sicherheit“.

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