Leben
René-Maurice Gattefossé kam 1881 in Lyon zur Welt, im Viertel Montchat. Sein Vater Louis hatte im Jahr zuvor ein Handelshaus gegründet, das sich nach der Lyoner Weltausstellung von 1894 auf Rohstoffe für Parfümeure verlegte. Der Sohn studierte Chemie an der Universität Lyon und trat danach in den Familienbetrieb ein, den er mit seinem Bruder Abel als „Gattefossé & Fils“ weiterführte. 1908 gab er die Fachzeitschrift La Parfumerie moderne heraus, ein Blatt für eine Branche, die zwischen Destillerie, Labor und Flakon gerade ihr modernes Gesicht bekam.
1910 kam es in seinem Labor zu einer Explosion, bei der er schwere Verbrennungen an beiden Händen erlitt. Was danach geschah, schilderte er selbst in seinem Buch von 1937, und kaum eine Episode aus der Geschichte der ätherischen Öle ist häufiger nacherzählt worden. Nach dem Ersten Weltkrieg baute er mit der Société Française de Produits Aromatiques einen Betrieb auf, der Forschung, Herstellung und Versand unter einem Dach bündelte. 1940 erwarb er ein Bauernhaus in Saint-Rémy-de-Provence, um dort Lavendel und andere Duftpflanzen anzubauen. Er starb 1950 in Casablanca.
Werk
Gattefossé schrieb zuerst für die Werkstatt. Schon 1906 erschien sein Guide pratique et formulaire du parfumeur moderne, eine Rezeptsammlung für Parfümeure, die mehrfach neu aufgelegt wurde; 1936 folgte das Kosmetikbuch Produits de beauté. Sein bekanntestes Werk ist das Buch Aromathérapie. Les huiles essentielles, hormones végétales, das 1937 erschien und dem Gebiet seinen Namen gab. Der Untertitel nannte die ätherischen Öle „pflanzliche Hormone“.
Das Buch ist weniger ein Ratgeber als ein Arbeitsbericht. Es handelt von menschlichen und tierischen Gerüchen, von der Einteilung der ätherischen Öle und von alten Arzneibüchern. Einen großen Teil nehmen Fallberichte von Ärzten ein, mit denen Gattefossé zusammenarbeitete, viele davon über Verwundungen französischer Soldaten im Ersten Weltkrieg. Die berühmte Laborepisode von 1910 füllt darin nur wenige Zeilen. Lange war das Buch vergriffen; eine englische Übersetzung erschien erst 1993, herausgegeben von Robert Tisserand.
Bedeutung für die Duftkunde
Gattefossé kam aus der Parfümerie, und das prägte seinen Blick. Für ihn waren ätherische Öle zunächst Rohstoffe, die man destilliert, analysiert und verarbeitet. Dass er sie darüber hinaus zum Gegenstand eigener Forschung machte, als Stoffe mit Geschichte und Gebrauch, machte ihn zum Bindeglied zwischen Duftindustrie und Heilkunde. Das Wort, das er dafür fand, hat ihn weit überdauert.
Im Mittelpunkt seiner Erzählung steht das Lavendelöl, das Öl der Provence. Neben dem Echten Lavendel prägt dort heute der Hybride Lavandin die Felder, dessen Lavandinöl in vielen Reinigungs- und Pflegeprodukten steckt. Gattefossés eigener Anbau in Saint-Rémy zeigt, wie eng für ihn Feld und Labor zusammengehörten.
Sein Werk griffen später zwei Menschen auf, die der Aromatherapie unterschiedliche Richtungen gaben. Der französische Arzt und Militärchirurg Jean Valnet knüpfte an Gattefossés Arbeiten an und machte das Gebiet mit seinem Buch Aromathérapie (1964) in Frankreich einem breiten Publikum bekannt. Die Biochemikerin Marguerite Maury trug die Öle in Kosmetik und Massage und wurde zu einer Wegbereiterin der englischen Schule der Aromatherapie; ihr Buch Le capital jeunesse erschien 1961. In den Quellenverzeichnissen dieser Sammlung steht Gattefossés Buch bis heute bei vielen Öl-Monografien, vom Thymianöl bis zum Rosenöl.
Einordnung aus heutiger Sicht
Für die Episode von 1910 gibt es nur eine ursprüngliche Quelle: Gattefossé selbst. Nach seiner Darstellung erstickte er die Flammen, indem er sich im Gras wälzte; an beiden Händen breitete sich danach ein Gasbrand aus, und eine einzige Spülung mit Lavendelessenz habe das Fortschreiten aufgehalten. Das ist seine Schilderung, veröffentlicht mehr als zwanzig Jahre nach dem Ereignis.
Aus diesem knappen Bericht ist über die Jahrzehnte eine Legende geworden. In der verbreiteten Fassung taucht Gattefossé die brennende Hand instinktiv in den nächstbesten Bottich, der zufällig Lavendelöl enthielt, und entdeckt so per Zufall eine ganze Disziplin. Robert Tisserand, Herausgeber der englischen Ausgabe, wies 2011 darauf hin, dass dieser Bottich in Gattefossés eigenem Text nicht vorkommt; dort trägt er das Öl bewusst auf bereits entzündete Wunden auf, ein Entschluss und kein Glücksfall.
Auch sonst lohnt der Blick auf den Menschen hinter dem Namen. Gattefossé war Chemiker und Unternehmer, der in Fachzeitschriften, Rezeptbüchern und Firmenlaboren dachte. Der Begriff, den er prägte, steht heute auf unzähligen Fläschchen, Duftlampen und Wellnessangeboten und meint dort oft etwas viel Weiteres als sein Buch. Das Familienunternehmen besteht bis heute, hat sich aber längst auf Hilfsstoffe für Pharmazie und Kosmetik verlegt. Im allgemeinen Gedächtnis geblieben sind vor allem ein Wort und eine Geschichte vom Lavendel, die er selbst nüchterner erzählt hat als die meisten, die sie weitergaben.