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Brauchtum

Der Neunkräutersegen – Die neun Kräuter aus einem Zauberspruch des 10. Jahrhunderts.

In einer angelsächsischen Handschrift hat sich ein heidnisch-christlicher Kräuterzauber erhalten, der neun Pflanzen gegen „Gift und Pestilenz“ aufruft. Diese Spurensuche zeigt, welche der neun Kräuter wir heute noch kennen.

Redaktion Altes Wissen
Der Neunkräutersegen – Die neun Kräuter aus einem Zauberspruch des 10. Jahrhunderts
Auf dieser Seite7Abschnitte
  1. Ein Zauberspruch im Bücherschrank eines Mönchs
  2. Wie man neun Kräuter gegen das Böse aufstellte
  3. Die drei, die wir sicher kennen
  4. Die sechs, über die noch gestritten wird
  5. Was der Segen über das alte Denken verrät
  6. Die neun Kräuter heute – mit Bedacht betrachtet
  7. Warum ein alter Vers uns noch berührt

Ein Zauberspruch im Bücherschrank eines Mönchs

Stell dir ein englisches Skriptorium um das Jahr 950 vor: Kerzenlicht, Pergament, ein Mönch, der eine Sammlung von Heilanleitungen kopiert. Zwischen Rezepten gegen Warzen und Anweisungen zum Aderlass notiert er einen Spruch, der nicht so recht ins christliche Weltbild passen will – einen, in dem der germanische Gott Woden neun Ruten schwingt und eine Otter in neun Stücke schlägt. Dieser Text ist als Nigon Wyrta Galdor, der Neunkräutersegen, in einer Handschrift namens Lacnunga überliefert, die heute in der British Library liegt.

Der Neunkräutersegen ist ein altenglischer Zauberspruch, halb heidnisch, halb christlich, und er ruft neun Kräuter beim Namen an, damit sie „Gift und Pestilenz“ vertreiben. Es ist eines der eindrucksvollsten Zeugnisse dafür, wie unsere Vorfahren Pflanzen, Wort und Schutz miteinander verwoben. In diesem Beitrag nehme ich dich mit auf eine Spurensuche: Welche neun Kräuter sind gemeint? Und welche davon stehen heute noch im Garten oder am Wegrand?

Wie man neun Kräuter gegen das Böse aufstellte

Ein „Galdor“ war im angelsächsischen Sprachraum mehr als ein gesprochenes Gebet – das Wort steckt noch heute im englischen to enchant und im deutschen „Gellen“. Man sang oder sprach den Vers rhythmisch, oft mehrfach, über die Kräuter und über die kranke Person. Im überlieferten Brauch wurden die neun Pflanzen zerstoßen, mit Asche, altem Schmalz und Apfelsaft zu einer Salbe verrührt und in den Mund, in die Ohren und auf die Wunde gegeben.

Die Neun ist dabei keine zufällige Zahl. Sie kehrt in den germanischen Überlieferungen immer wieder: neun Welten, neun Nächte, in denen Odin am Weltenbaum hing. Im Segen heißt es, Woden habe neun „Wuldortanas“ – Ruhmesruten oder Zauberzweige – geschlagen, als die Schlange durch die Welt kroch. Wer den Spruch las, las also nicht nur ein Rezept, sondern beschwor eine ganze Ordnung herauf, in der die richtige Pflanze, die richtige Zahl und das richtige Wort gemeinsam das Unheil bannten.

Die drei, die wir sicher kennen

Bei den meisten der neun Namen rätseln die Übersetzerinnen und Übersetzer bis heute, denn das Altenglische kannte für eine Pflanze oft mehrere Namen und für einen Namen oft mehrere Pflanzen. Drei aber lassen sich gut zuordnen – und sie wachsen noch immer dort, wo sie damals wuchsen.

Wegerich, im Spruch „Wegbrade“ genannt, eröffnet die Reihe. Gemeint ist der Spitzwegerich, die zähe Pflanze, die mitten auf dem Trampelpfad steht und sich nicht kleinkriegen lässt. Der Segen besingt sie ausdrücklich als „Mutter der Kräuter“, die offen nach Osten liegt und über die Wagen rollten, ohne sie zu brechen. In der Volksheilkunde galt der Spitzwegerich seit jeher als Begleiter bei Husten und als das Kraut, das man auf Schürfwunden und Insektenstiche legte, wenn man unterwegs war.

Kamille, altenglisch „Mægðe“, ist die fünfte im Bunde. Die Kamille gehört zu den ältesten Heilpflanzen Europas überhaupt; schon die Ägypter weihten sie dem Sonnengott. In den Klostergärten des Mittelalters durfte sie nie fehlen, und in der überlieferten Hausapotheke wurde ihr eine sanft besänftigende Eigenschaft nachgesagt – als Tee, als Dampf, als Auflage.

Brennnessel, im Vers „Stiðe“ – die Harte, die Strenge – genannt, ist die siebte Pflanze. Die Brennnessel brennt, und genau das machte sie in den alten Vorstellungen wertvoll: Was selbst sticht, so dachte man, könne das Stechende vertreiben. Über Generationen wurde sie als Frühjahrskraut geschätzt, das den Körper nach dem Winter wieder in Schwung bringt, und ihre Fasern dienten lange als Garn.

Die sechs, über die noch gestritten wird

Die übrigen sechs Namen liegen im Halbdunkel der Sprachgeschichte. Manche lassen sich mit einiger Sicherheit deuten, andere bleiben Vermutung – und genau das macht den Reiz des Textes aus.

  • Beifuß („Una“) steht an zweiter Stelle und wird im Segen „die Älteste der Kräuter“ genannt. Der Beifuß war über die Jahrhunderte das Frauen- und Schwellenkraut schlechthin, das man zur Sonnenwende in Gürtel flocht.
  • Wasserkresse oder Kreuzkraut („Stune“/„Stime“) ist umstritten; je nach Lesart steckt eine bittere Wasserpflanze oder eine gänzlich andere dahinter.
  • Wegwarte oder Knoblauchsrauke („Attorlaðe“ – die „Giftverbannerin“) trägt einen Namen, der ihre Bestimmung im Spruch schon verrät.
  • Betonie oder Kamille-Verwandte („Mægðe“-Nachbarn) sorgen für weitere Verwirrung, weil die Namen wandern.
  • Kerbel („Fille“) und Fenchel („Finule“) bilden im Vers ein Paar, „sehr mächtige zwei“, die der Schöpfer selbst geschaffen habe.
  • Apfel schließlich – im Saft, mit dem die Salbe angerührt wurde – ist die neunte „Zutat“, je nach Zählung als eigenes Glied der Reihe gerechnet.

Du siehst: Schon die Frage, welche neun Kräuter es überhaupt sind, ist Teil der Überlieferung. Jede Übersetzung trifft hier Entscheidungen, und ehrliche Editionen markieren die offenen Stellen, statt sie glattzubügeln.

Was der Segen über das alte Denken verrät

Der Neunkräutersegen ist kein Kräuterbuch im heutigen Sinn. Er trennt nicht zwischen Pflanze und Wort, zwischen Medizin und Magie. Die Kräuter wirken im Bild des Textes, weil sie in der richtigen Ordnung stehen, weil Woden sie eingesetzt hat, weil der Vers über ihnen gesungen wird. Diese Denkweise – dass die Welt aus Entsprechungen gewebt ist und der Mensch durch das richtige Tun und Sagen in sie eingreifen kann – zieht sich durch das gesamte frühmittelalterliche Heilwissen.

Bemerkenswert ist auch das Nebeneinander der Welten: In ein und demselben Spruch tritt der Gott Woden auf, und doch endet der Text mit dem Lob des christlichen Schöpfers, der Kerbel und Fenchel „hängend am Himmel“ schuf. Der Mönch, der das aufschrieb, sah darin offenbar keinen Widerspruch. Er bewahrte das alte Wissen, statt es zu tilgen – und gerade deshalb können wir es heute noch lesen.

Wer mehr über diese verwobene Welt aus Kraut, Wort und Schutz erfahren möchte, findet im Beitrag über das Räuchern mit Kräutern in den Rauhnächten verwandtes Brauchtum, das sich aus demselben Geist speist.

Die neun Kräuter heute – mit Bedacht betrachtet

Es liegt nahe, einen tausend Jahre alten Schutzspruch nachstellen zu wollen. Doch hier ist Vorsicht angebracht, denn nicht alles, was im Segen genannt wird, ist harmlos.

Mehrere der vermuteten Kräuter – etwa der Beifuß – wurden traditionell mit der Schwangerschaft in Verbindung gebracht und in Umständen gemieden. Beifuß in Schwangerschaft und Stillzeit meiden. Wenn du Wildkräuter sammelst, gilt ohnehin die alte Sammelregel: Nur ernten, was du zweifelsfrei bestimmen kannst, und im Zweifel die Pflanze stehen lassen. Gerade die historisch unsicheren Namen im Segen taugen nicht als Bestimmungshilfe.

Die drei sicher identifizierten Kräuter – Spitzwegerich, Kamille und Brennnessel – sind hingegen vertraute Begleiter der Hausapotheke geblieben, ebenso wie die Schafgarbe und der Beinwell, die in verwandten alten Wundsegen auftauchen.

Wann zum Arzt? Der Neunkräutersegen ist ein kulturhistorisches Zeugnis, kein Behandlungsplan. Bei Wunden mit Entzündungszeichen, anhaltendem Fieber, starken oder unklaren Beschwerden gehört die Einschätzung in ärztliche Hände – kein überlieferter Spruch ersetzt das. Wer schwanger ist, stillt oder dauerhaft Medikamente nimmt, klärt die Anwendung von Kräutern vorab mit Ärztin, Arzt oder Hebamme ab.

Warum ein alter Vers uns noch berührt

Was den Neunkräutersegen über die Jahrhunderte getragen hat, ist nicht seine Wirksamkeit gegen Schlangenbiss. Es ist das Bild eines Menschen, der den Bedrohungen seiner Welt – Krankheit, Gift, das Unsichtbare – nicht wehrlos gegenüberstand, sondern Pflanzen, Zahlen und Worte zu einem Schutzkreis ordnete. In diesem Vers steckt der Anfang einer langen Linie: vom angelsächsischen Galdor über die Klostermedizin bis zu den Kräuterbüchern, aus denen unsere Großmütter noch abschrieben.

Wenn du das nächste Mal einen Spitzwegerich am Wegrand siehst, denk an die „Wegbrade“, die „Mutter der Kräuter“. Sie steht dort, wo sie schon vor tausend Jahren stand – und jemand hielt sie für wichtig genug, um sie in einem Zauberspruch unsterblich zu machen.

Die Inhalte auf altes-wissen.org dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultiere bei gesundheitlichen Beschwerden immer eine Ärztin oder einen Arzt.