Volksheilkunde & Geschichte
Der Meerrettich stammt aus Ost- und Südosteuropa und ist von dort über die Klostergärten des Mittelalters nach Mitteleuropa gewandert. Sein slawischer Ursprung klingt bis heute im Namen „Kren“ nach (tschechisch křen, slowenisch hren), der in Bayern und Österreich das Wort Meerrettich weithin ersetzt hat.
Über die deutsche Benennung stritten schon die alten Kräuterbücher. Die eine Deutung führt das „Meer“ auf „Mähre“ zurück – ein altes Wort für Pferd –, sodass „Meerrettich“ eigentlich „Pferderettich“ meint: der große, grobe Rettich, so wie das englische horseradish den derben Verwandten des feinen Gartenrettichs bezeichnet. Die andere Deutung sieht darin die Pflanze, die „über das Meer“ aus dem Osten kam. Beide Erklärungen leben in den Volksnamen weiter, und der zweite Synonymzweig – „Pferderettich“ – hält die Pferde-Spur bis heute fest.
Bevor der scharfe Tafelsenf aus gemahlener Senfsaat allgemein erschwinglich war, war der geriebene Meerrettich die Schärfe des kleinen Mannes: Man nannte ihn den „Bauernsenf“, weil er im Bauerngarten wuchs und keine teure Mühle brauchte. In Franken wurde der Anbau zu einem eigenen Erwerbszweig – um das mittelfränkische Baiersdorf entstand über die Jahrhunderte ein Meerrettich-Anbaugebiet, dessen „Bayerischer Meerrettich“ noch heute einen Namen hat.
In der Klostermedizin und der bäuerlichen Hausapotheke galt der Meerrettich als das scharfe Schutzkraut des Gartens. Man traute den beißenden Senfölen zu, Keime in Schach zu halten, und setzte die Wurzel in der kalten Jahreszeit gegen Schnupfen und verschleimte Brust ein. Hildegard von Bingen führt den „Meerrettich“ in ihrer Physica unter den Gartengewächsen; die Volksheilkunde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – etwa bei Johann Künzle – empfahl die frisch geriebene Wurzel weiterhin bei „Katarrh und Reißen in den Gliedern“.
Überlieferte Wirkung
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.
In der Volksheilkunde war der Meerrettich zuerst ein Kraut der Erkältungszeit. Wenn der Kopf zu und die Brust voll saß, rieb man die frische Wurzel und ließ ihre scharfen Dämpfe in die Nase steigen – ein Griff, der über Generationen von der Großmutter an die Enkel weitergegeben wurde. Den Senfölen sagte man nach, festsitzenden Schleim zu lösen und die Nebenhöhlen frei zu machen; weil sie zu einem guten Teil über Atem und Harnwege wieder ausgeschieden werden, galt der Meerrettich in der Überlieferung zugleich als Kraut für die Bronchien und für die „Wasserwege“. Häufig reichte man ihn dabei zusammen mit der Kapuzinerkresse, die als ihr scharfes Schwesterkraut galt.
Ein zweiter Strang der Überlieferung gehört den Gliedern. Wo es im Kreuz, in der Schulter oder in den Gelenken zog, legte man einen Brei aus frisch geriebener Wurzel auf ein Tuch und diesen für kurze Zeit auf die schmerzende Stelle – ein Umschlag, dem man nachsagte, die Haut zu röten, die Stelle zu durchwärmen und die Durchblutung anzuregen. Die brennende Schärfe war dabei ausdrücklich gewollt; man ließ die Auflage nur so lange liegen, wie die Haut sie ertrug.
Bis heute lebt das alte Bild vom Meerrettich als scharfem Winterhelfer in vielen Landküchen fort – halb Würze, halb Hausmittel. Dass ein Löffel geriebener Kren die Augen tränen und die Nase laufen lässt, war in der Volksheilkunde nie ein Makel, sondern der sichtbare Beweis seiner Kraft.
Basiswissen
Wer im Spätherbst eine Meerrettichwurzel aus der Erde zieht und mit dem Messer anschneidet, versteht die Pflanze auf der Stelle: Erst riecht das weiße Fleisch nach fast gar nichts, dann, mit Verzögerung, steigt ein beißender Duft auf, der in Nase und Augen fährt. Diese Schärfe entsteht erst im Moment der Verletzung – ein Selbstschutz der Pflanze, den sich der Mensch seit jeher zunutze gemacht hat.
Botanisch ist der Meerrettich (Armoracia rusticana) eine ausdauernde Staude aus der Familie der Kreuzblütler, verwandt mit Senf, Kohl und Kresse. Genutzt wird die kräftige, fingerdicke bis armdicke Pfahlwurzel; die großen Blätter und die weißen Blüten treten dahinter zurück. Weil die Pflanze bei uns kaum keimfähige Samen bildet, gibt sie sich fast ausschließlich über Wurzelstücke weiter – jedes abgebrochene Stück kann zu einer neuen Staude werden, weshalb der Meerrettich im Garten hartnäckig an seinem Platz bleibt. Nahrungswürze, überliefertes Winterkraut und pflegeleichter Dauergast im Beet in einem.
Botanische Merkmale
Der Meerrettich ist eine ausdauernde, krautige Staude, die 60–120 cm hoch wird und einen dichten Horst bildet.
Wurzel: Das genutzte Organ ist die kräftige, weiße bis gelblich-weiße Pfahlwurzel, die tief senkrecht in den Boden reicht und zahlreiche Seitenwurzeln treibt. Ihr Fleisch ist im frischen Anschnitt weiß und entwickelt erst beim Reiben oder Schneiden den charakteristischen scharfen Geruch.
Blätter: Die grundständigen Blätter sind groß, länglich bis länglich-eiförmig, oft 30–50 cm lang, am Rand gekerbt bis gesägt und langgestielt. Die oberen Stängelblätter sind deutlich kleiner und schmaler.
Blüten: Klein und weiß, in lockeren, endständigen Rispen. Wie bei allen Kreuzblütlern stehen vier Kronblätter kreuzförmig; aus den Blüten entwickeln sich kleine, oft nicht ausreifende Schötchen. Die Blütezeit liegt im Frühsommer (Mai bis Juli).
Vermehrung: Die Vermehrung erfolgt bei uns fast ausschließlich vegetativ über Wurzelstücke, da die Pflanze nur selten keimfähige Samen bildet.
Verwechslung: Oberirdisch erinnern die großen Blätter von Weitem an Ampfer-Arten; das sichere Erkennungsmerkmal ist jedoch der beißende Geruch, den die angeschnittene Wurzel sofort freisetzt.
Standort & Verbreitung
Ursprünglich in Ost- und Südosteuropa beheimatet, ist der Meerrettich heute in weiten Teilen Europas sowie in Nordamerika verwildert und eingebürgert. Als robuster Kulturflüchtling hält er sich an Standorten, an denen er einmal angebaut wurde, oft über Jahrzehnte.
Typische Standorte: Gärten, Feldränder, Wegränder, Bahndämme, Gräben und feuchte Uferstreifen. Er bevorzugt tiefgründige, nährstoffreiche und ausreichend feuchte Böden in voller Sonne, kommt aber auch mit halbschattigen Lagen zurecht.
Im Garten: Meerrettich ist anspruchslos und ausdauernd – wer ihn einmal gesetzt hat, behält ihn. Zum Anbau steckt man im Frühjahr fingerlange Wurzelstücke (sogenannte Fechser) schräg in tiefgründige Erde. Weil sich die Pflanze über jedes Wurzelbruchstück ausbreitet, empfiehlt sich ein eigenes Eck oder eine Wurzelsperre, damit sie das Beet nicht übernimmt.
Ernte & Sammlung
Erntezeit: Spätherbst (Oktober bis November) nach dem ersten Frost oder zeitiges Frühjahr (vor dem Austrieb). Nach den kalten Nächten gilt die Wurzel als am schärfsten und am besten lagerfähig.
Pflanzenteil: Die Pfahlwurzel. Mit dem Spaten tief ausstechen, damit die Wurzel möglichst ganz aus dem Boden kommt, dann die Erde abbürsten und die Wurzeln bei Bedarf abbrausen.
Als Kulturpflanze frei von Schutzstatus: Der Meerrettich ist nicht geschützt und unterliegt keinem Sammelverbot; in der Regel stammt er ohnehin aus dem eigenen oder einem bäuerlichen Garten. Verwilderte Bestände wachsen häufig auf fremdem Grund – hier gilt, wie bei jeder Ernte, das Einverständnis der Eigentümer und ein maßvolles Graben.
Lagerung: Frische Wurzeln halten sich, in feuchten Sand gebettet, über den Winter im kühlen, dunklen Keller. So bleibt die Schärfe erhalten, die beim Trocknen verlorengeht: Die scharfen Senföle sind flüchtig, weshalb Meerrettich – anders als viele Kräuter – vor allem frisch verwendet wird. Wer haltbar machen möchte, reibt die Wurzel und legt sie in Essig oder friert sie portionsweise ein.
Inhaltsstoffe
| Wirkstoffgruppe | Hauptvertreter | Bemerkung |
|---|---|---|
| Senfölglykoside (Glucosinolate) | Sinigrin, Gluconasturtiin | Speicherform in der intakten Wurzel |
| Scharfstoffe (Senföle) | Allylsenföl (Allylisothiocyanat) | entsteht erst bei Zellverletzung |
| Spaltenzym | Myrosinase | setzt die Senföle enzymatisch frei |
| Vitamine | Vitamin C | reichlich enthalten |
| Weitere | ätherische Öle, Asparagin, Harze | in geringeren Mengen |
Das Prinzip der verzögerten Schärfe: In der unversehrten Wurzel liegen die Senföle gebunden als geruchlose Senfölglykoside vor, allen voran das Sinigrin. Erst wenn das Gewebe durch Reiben, Schneiden oder Kauen zerstört wird, trifft das Enzym Myrosinase auf diese Glykoside und spaltet daraus die scharfen, flüchtigen Senföle ab – vor allem Allylsenföl. Deshalb riecht eine ganze Wurzel kaum, eine frisch geriebene dagegen sofort stechend.
Warum frisch verwendet wird: Weil die Senföle leicht flüchtig sind, verliert die geriebene Wurzel ihre Schärfe innerhalb von Minuten bis Stunden an der Luft – und beim Erhitzen fast vollständig. Die Kräutertradition hat daraus die Regel abgeleitet, den Meerrettich stets frisch zu reiben und Ansätze wie Sirup oder Umschlag erst kurz vor dem Gebrauch herzustellen.
Vitamin C: Frischer Meerrettich enthält reichlich Vitamin C – ein Grund, weshalb die scharfe Wurzel in der kalten Jahreszeit, wenn frisches Grün knapp war, auf dem Land eine feste Größe in Küche und Hausapotheke war.
Anwendung
Meerrettich-Honig-Sirup (innerlich)
Zubereitung: 2–3 Esslöffel frisch geriebene Meerrettichwurzel mit der gleichen Menge Honig in einem Schraubglas verrühren und über Nacht ziehen lassen. Am nächsten Tag durch ein Sieb den entstandenen Sirup abgießen.
Anwendung: In der Erkältungszeit nahm man traditionell mehrmals täglich einen Teelöffel des Sirups. Immer frisch und in kleinen Mengen ansetzen, da die Schärfe rasch verfliegt.
Meerrettich-Kur mit Kapuzinerkresse (innerlich)
Überlieferung: Als scharfes Gespann galten in der Volksheilkunde Meerrettich und Kapuzinerkresse. Man reichte zur nasskalten Jahreszeit ein wenig frisch geriebenen Kren zusammen mit gehackten Kapuzinerkresse-Blättern zum Brot – ein überliefertes Winterritual bei Schnupfen und verschleimter Brust.
Meerrettich-Umschlag (äußerlich)
Zubereitung: Eine kleine Menge frisch geriebener Wurzel auf ein Leinentuch streichen, einschlagen und auflegen – traditionell auf Kreuz, Schulter oder Gelenk.
Anwendung: Der Wurzelbrei galt als wärmender, durchblutungsanregender Umschlag bei Muskel- und Gliederschmerzen. Wichtig: nur kurz auflegen – wenige Minuten genügen – und bei brennendem Gefühl sofort abnehmen, um die Haut nicht zu schädigen (siehe Abschnitt Sicherheit).
Tafelkren / Bauernsenf (Küche)
Zubereitung: Frische Wurzel schälen und fein reiben, mit etwas Essig, Salz und einer Prise Zucker abschmecken. Für milden Sahnemeerrettich unter geschlagene Sahne oder Apfelmus heben.
Verwendung: Das klassische scharfe Würzmittel zu Rindfleisch, Fisch, Wurst und deftigen Broten – der „Bauernsenf“ der Landküche. Beim Reiben brennt der aufsteigende Dampf in den Augen; ein Trick der Bauernküche ist es, die Wurzel unter der Dunstabzugshaube oder am offenen Fenster zu reiben.
Meerrettich-Essig (haltbar)
Zubereitung: Frisch geriebene Wurzel in ein Glas geben, mit Apfelessig bedecken und 1–2 Wochen ziehen lassen, dann abseihen.
Verwendung: Ein haltbarer, scharfer Würzessig für Salate und Marinaden – und eine Möglichkeit, die flüchtige Schärfe für einige Wochen festzuhalten.
Sicherheit
Grundsätzliches: Meerrettich ist sehr scharf und wirkt stark reizend auf Haut und Schleimhäute. Für die Küche und die überlieferte Hausanwendung sind kleine Mengen gemeint; größere Mengen können Magen und Darm reizen.
Kontraindikationen:
- Bei Geschwüren im Magen-Darm-Bereich (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren) nicht anwenden – die Scharfstoffe reizen die ohnehin angegriffene Schleimhaut zusätzlich.
- Bei Nierenerkrankungen auf innerliche Anwendungen verzichten.
- Für Kleinkinder unter vier Jahren ist Meerrettich wegen der Schärfe und der Schleimhautreizung nicht geeignet.
Äußerliche Anwendung: Umschläge mit geriebener Wurzel nur kurz auflegen (wenige Minuten) und bei brennendem oder stechendem Gefühl sofort abnehmen. Ein zu langes Aufliegen kann die Haut wie eine Verbrennung reizen und Blasen ziehen. Nicht auf offene Wunden oder gereizte Haut geben und den Kontakt mit den Augen meiden.
Schwangerschaft & Stillzeit: In der Schwangerschaft und Stillzeit den Meerrettich nur in üblichen Mengen als Küchengewürz verwenden und auf konzentrierte innerliche Anwendungen sowie äußerliche Umschläge verzichten.
Beim Reiben: Die aufsteigenden Dämpfe reizen Augen und Atemwege stark – für gute Lüftung sorgen und das Gesicht abwenden.
Ärztlich abklären: Anhaltender Husten, Fieber, Blut im Urin oder wiederkehrende Beschwerden der Harnwege gehören ärztlich abgeklärt, bevor man zu Hausmitteln greift.
Querverweise
Hausmittel: Zwiebelsaft – das milde scharfe Gegenstück aus der Erkältungsküche, und der Erkältungstee als wärmende Ergänzung in der kalten Jahreszeit.
Verwandte Kräuter: Knoblauch (das zweite scharfe Schutzkraut des Bauerngartens, dem man ebenfalls keimwidrige Kraft nachsagte), Thymian (traditionell ergänzend bei Husten und festsitzendem Katarrh) und Holunder (überlieferter Begleiter durch die Erkältungszeit).
Ätherische Öle: Eukalyptusöl und Thymianöl – die überlieferten Duftbegleiter für frei Atmen in der Erkältungszeit.
Heilsteine: Karneol – der warme, kräftig gefärbte Stein, dem die Steinheilkunde traditionell Wärme und Lebenskraft zuordnet und der so zum scharfen Winterkraut passt.