Ein Beet, das sich nach oben windet
Wer Thymian und Pfefferminze ins selbe Beet setzt, erlebt meist bald eine Enttäuschung: Der eine fault im zu nassen Boden, die andere verdurstet im zu mageren. Die Kräuterspirale löst diesen alten Gärtnerkonflikt auf kleinem Raum. Eine Trockenmauer aus Natursteinen windet sich wie ein Schneckenhaus nach oben, und mit jeder Windung ändern sich Boden, Feuchte und Wärme. Ganz oben ist es mager, trocken und heiß wie an einem Kalkhang der Provence, ganz unten feucht und kühl wie am Bachufer. Auf zwei bis drei Metern Durchmesser finden so Kräuter Platz, die sonst drei verschiedene Beete bräuchten.
Dazu kommt ein Nebennutzen: Die offenen Fugen der Mauer werden zur Wohnung für Eidechsen und Wildbienen, und der kleine Teich am Fuß lockt Libellen an.
Vom Klostergarten zur Spirale
Die Idee, Kräuter nach ihren Ansprüchen zu ordnen, ist alt. Auf dem St. Galler Klosterplan, gezeichnet um das Jahr 820, stehen die Heilkräuter in eigenen, säuberlich getrennten Beeten – die Minze in guter Nachbarschaft zu Salbei, Fenchel und Liebstöckel. Wenig später, zwischen 830 und 840, schrieb Walahfrid Strabo, Mönch und später Abt des Klosters Reichenau am Bodensee, sein Gartengedicht „Hortulus“: 444 Verse über die Mühen der Gartenarbeit und die Pflanzen, die er selbst zog. Über die Minze seufzte er, ihre Sorten zählen zu wollen, sei so aussichtslos, wie die Funken aus Vulkans Esse zu zählen.
Welches Vertrauen die Klostermedizin in solche Gärten setzte, zeigt ein Vers der Medizinschule von Salerno aus dem 11. Jahrhundert: „Warum sollte ein Mensch sterben, dem Salbei im Garten wächst?“ Auf der Reichenau wurde der Hortulus 1991 nach Walahfrids Vorbild neu angelegt, und bis heute gehen Besucher dort zwischen den Beeten hindurch, die er besungen hat.
Die Spirale selbst ist dagegen jung. Erdacht hat sie der Australier Bill Mollison, der in den 1970er-Jahren gemeinsam mit David Holmgren die Permakultur begründete. Über sein Handbuch „Permaculture: A Designers’ Manual“ von 1988 fand die Kräuterspirale ihren Weg in Gärten auf der ganzen Welt. Sie verbindet damit zwei Traditionen: das Ordnungswissen der Klostergärten und den genauen Blick der Permakultur auf das Kleinklima.
Standort und Maße
Die Spirale braucht den sonnigsten Platz im Garten, möglichst ohne Schatten von Haus, Hecke oder Baum. Das untere Ende mit dem Teich zeigt nach Süden. So steht die ansteigende Mauer in der vollen Mittagssonne und speichert die Wärme bis in den Abend.
Bewährt hat sich ein Durchmesser von zwei bis drei Metern bei etwa 80 Zentimetern Höhe an der höchsten Stelle. Kleiner wird es für drei Zonen zu eng, größer erreichst du die Mitte kaum noch zum Ernten.
Schritt für Schritt: So baust du die Spirale
Du brauchst Natursteine aus deiner Region, Schotter, groben Sand oder Splitt, reifen Kompost, Gartenerde und eine kleine Teichschale oder Teichfolie mit Schutzvlies.
- Grundriss markieren. Schlage in der Mitte einen Pflock ein und ziehe mit einer Schnur den Kreis. Streue die Mauerlinie mit Sand vor: Sie beginnt im Zentrum und läuft in eineinhalb bis zwei Windungen nach außen, das offene Ende nach Süden.
- Fundament legen. Trage die Grasnarbe ab und hebe entlang der Mauerlinie etwa spatentief aus. Fülle zehn bis zwanzig Zentimeter Schotter ein – er ist zugleich Drainage und Fundament. Am Auslauf hebst du die Mulde für den Teich aus, nicht tiefer als 30 bis 40 Zentimeter.
- Trockenmauer setzen. Setze die Steine ohne Mörtel, die größten nach unten, versetzt wie bei einer Mauer und leicht nach innen geneigt. Vom Teich aus steigt die Mauer Windung um Windung bis zur Mitte an.
- Drainagekern füllen. Fülle das Innere mit Schotter oder Bruchsteinen. In der Mitte reicht dieser Kern weit hinauf, zum Teich hin wird er flacher. So fließt Gießwasser oben rasch ab und sammelt sich unten.
- Erde nach Zonen schichten. Oben mischst du Gartenerde mit reichlich Sand oder Splitt, gern mit etwas Kalkschotter: mager und durchlässig. In der Mitte kommt Gartenerde mit einem Teil Kompost hinein, unten humusreiche Erde mit mehr Kompost, die Feuchtigkeit hält. Die Übergänge dürfen fließend sein.
- Teich einsetzen. Polstere die Mulde mit Sand, lege Schale oder Folie ein und beschwere den Rand mit flachen Steinen. Ein Stein knapp unter der Wasserlinie dient als Ausstieg. Gefüllt wird mit Regenwasser.
- Setzen lassen. Gieße die Spirale durchdringend und lass sie einige Wochen ruhen. Die Erde sackt nach; fülle dann auf. Wer wie jetzt im Herbst baut, pflanzt im Frühjahr in ein gesetztes Beet.
Die drei Zonen und ihre Kräuter
Mittelmeerzone oben. Hier wachsen die Kräuter der sonnigen Kalkhänge: Thymian, Salbei, Lavendel und Rosmarin. Alle lieben volle Sonne und durchlässigen, eher kalkhaltigen Boden; Staunässe ist ihr größter Feind. Gib dem Thymian 20 bis 25 Zentimeter Abstand, Salbei und Lavendel 30 bis 40. Der Rosmarin – die Römer nannten ihn „ros marinus“, Tau des Meeres – übersteht nur milde Winter im Freiland. In rauen Lagen setzt du ihn samt Topf ein und holst ihn im Herbst ins Haus, hell, kühl und frostfrei. Seit den Klostergärten gilt der Thymian in der Volksheilkunde als Kraut der Erkältungszeit.
Normalzone in der Mitte. Der Boden ist hier humoser und hält mehr Wasser. Die Melisse gedeiht in sonniger bis halbschattiger Lage; streifst du über ihre Blätter, steigt der Zitronenduft auf, der ihr im Volksmund den Namen „Herztrost“ eintrug. Schnittlauch und Petersilie gehören ebenfalls hierher, also die Kräuter, die frisch in die Küche wandern. An den Rand der unteren Windungen passt die einjährige Kapuzinerkresse, die eher mageren Boden mag und malerisch über die Steine hängt.
Feuchtzone und Teich unten. Am Fuß, wo sich das Wasser der oberen Windungen sammelt, steht die Pfefferminze. Sie braucht feuchten, nährstoffreichen Boden und verträgt Halbschatten. Da sie keine keimfähigen Samen bildet, vermehrt sie sich nur über Ausläufer – und genau die machen sie zum Problemfall (siehe Abschnitt „Sicherheit im Kräutergarten“). In der flachen Uferzone des Teichs wächst Brunnenkresse, die kühles, sauberes Wasser schätzt.
Pflege und Rückschnitt durchs Jahr
Gegossen wird von unten nach oben immer weniger. Die Mittelmeerzone braucht Wasser nur beim Anwachsen und in langen Dürrephasen, die Feuchtzone darf nie austrocknen. Den Teich füllst du mit Regenwasser nach und fischst im Herbst das Laub heraus. Gedüngt wird oben gar nicht; in Mitte und Feuchtzone genügt im Frühjahr eine Handvoll Kompost.
Beim Rückschnitt hat jedes Kraut seine Regel. Salbei und Lavendel schneidest du im Frühjahr zurück, aber nie ins alte Holz, aus dem sie kaum wieder austreiben. Den Thymian kürzt du nach der Blüte leicht, den Rosmarin nur im grünen Bereich. Die Melisse treibt kräftig nach, wenn du sie vor der Blüte zurücknimmst. Die Pfefferminze darf bei der ersten Ernte im Juni bis etwa fünf Zentimeter über dem Boden geschnitten werden und liefert im August eine zweite Ernte. Alle drei bis vier Jahre setzt du sie neu, weil ältere Bestände an Aroma verlieren.
Thymian und Lavendel vertragen Frost bis etwa minus 15 Grad – aber keine Winternässe. Genau davor schützt sie die Drainage der Spirale. Dem Salbei legst du im Winter etwas Reisig über.
Geerntet wird an einem trockenen Vormittag, sobald der Tau abgezogen ist, bei den meisten Blattkräutern kurz vor der Blüte, wenn ihr ätherisches Öl am reichsten ist. Wann welches Kraut an der Reihe ist, zeigt der Erntekalender; wer nach alter Gärtnerregel mit dem Mond pflanzt, findet die Pflanzentage im Ratgeber Säen und Pflanzen nach dem Mond. Und was im Spätsommer übrig bleibt, wandert getrocknet oder eingelegt in den Vorrat – Wege dazu beschreibt der Beitrag Kräuter haltbar machen.
Sicherheit im Kräutergarten
- Pfefferminze einsperren. Ihre unterirdischen Ausläufer durchwachsen in wenigen Jahren die ganze Spirale. Pflanze sie nur in einen großen, eingegrabenen Kübel oder hinter eine Rhizomsperre, die rundum gut spatentief reicht. Die Melisse breitet sich mäßiger aus; stich sie bei Bedarf am Rand ab.
- Keine giftigen Doppelgänger. Setze nur Pflanzen, die du sicher kennst und die eindeutig beschriftet sind. Giftige Zierpflanzen wie Maiglöckchen, Fingerhut, Eisenhut oder Herbstzeitlose gehören nicht zwischen Küchenkräuter. In Petersilienbeeten kann die giftige Hundspetersilie als Unkraut aufgehen; die krause Petersilie ist leichter zu unterscheiden als die glatte. Was du nicht sicher bestimmen kannst, kommt nicht in die Küche – dieselbe Regel wie beim Bärlauch.
- Teich und kleine Kinder. Kleinkinder können schon in wenigen Zentimetern Wasser ertrinken. Solange sie im Garten spielen, deckst du den Teich mit einem stabilen Gitter ab oder legst ihn erst später an. Setze die Mauersteine so fest, dass nichts kippt, wenn ein Kind hinaufklettert.
- Tiere. Ein flacher Ausstiegsstein im Teich ist Pflicht, damit Igel und Vögel wieder herausfinden.
- Vor der Teekanne. Lies vor dem Aufguss die Sicherheitshinweise der jeweiligen Monografie. Salbeitee ist in Schwangerschaft und Stillzeit tabu. Pfefferminztee Kindern unter 3 Jahren nicht geben, älteren Kindern nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis. Bei anhaltenden Beschwerden gehört der Weg zur Ärztin oder zum Arzt an die erste Stelle.
Ein Stück Klostergarten vor der Haustür
Was Walahfrid vor bald 1200 Jahren auf der Reichenau besang, wurde über Generationen von Garten zu Garten weitergereicht. Die Spirale gibt diesem Wissen eine neue Form: ein paar Quadratmeter Stein und Erde, auf denen Mittelmeer und Bachufer nebeneinanderliegen. Wer sie im Herbst baut, erntet im nächsten Sommer den ersten Thymian.