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Vergleichsartikel

Baldrian oder Melisse: Welcher Kräutertee für den Abend?.

Die streng riechende Wurzel oder das zitronige Blatt? Baldrian und Melisse gehören zu den ältesten Abendkräutern der Überlieferung. Hier erfährst du, worin sie sich unterscheiden, wie du sie zubereitest und worauf du bei der Sicherheit achten musst.

Redaktion Altes Wissen
Baldrian oder Melisse: Welcher Kräutertee für den Abend?
Auf dieser Seite6Abschnitte
  1. Zwei Abendkräuter, zwei Temperamente
  2. Was Baldrian und Melisse unterscheidet
  3. Der überlieferte Einsatz am Abend
  4. So bereitest du Baldrian und Melisse zu
  5. Sicherheit: Darauf achtest du bei beiden
  6. Entscheidungshilfe: Baldrian oder Melisse?

Zwei Abendkräuter, zwei Temperamente

Wenn es um den Tee vor dem Schlafengehen geht, fallen in der Überlieferung immer wieder zwei Namen: Baldrian und Melisse. Beide standen über Generationen in Klostergärten und Hausapotheken, beide wurden am Abend aufgebrüht, wenn die Gedanken kreisten. Und doch haben sie wenig gemeinsam – das merkst du spätestens, wenn du die beiden Teedosen nebeneinander öffnest.

Aus der einen steigt ein herber, erdiger, ehrlich gesagt etwas muffiger Geruch. Aus der anderen ein heller Zitronenduft. Die Überlieferung hat aus diesem Gegensatz eine klare Rollenverteilung gemacht: Baldrian galt als die kräftige Wahl für hartnäckig unruhige Nächte, Melisse als das milde Kraut für den aufgewühlten Feierabend. Hier erfährst du, worin sich die beiden unterscheiden – und welche Dose zu welchem Abend passt.

Was Baldrian und Melisse unterscheidet

Zwei Pflanzenfamilien. Der Echte Baldrian (Valeriana officinalis) gehört zu den Baldriangewächsen und wächst wild an Bachrändern, Gräben und auf feuchten Wiesen. Im Hochsommer trägt er auf bis zu anderthalb Meter hohen Stängeln weiße bis zartrosa Blütendolden. Die Zitronenmelisse (Melissa officinalis) ist ein Lippenblütler aus dem östlichen Mittelmeerraum, bleibt mit 30 bis 80 Zentimetern deutlich kleiner und bildet buschige Horste mit herzförmig gekerbten Blättern. Ihr Name geht auf das griechische Wort für die Honigbiene zurück, und tatsächlich zählt sie zu den besten Bienenweiden des Kräutergartens.

Wurzel gegen Blatt. Beim Baldrian wird der Wurzelstock genutzt, das Rhizom mit seinen feinen Nebenwurzeln. Gegraben wird er im Herbst des zweiten oder dritten Standjahres, wenn die Pflanze ihre Kräfte in den Boden zurückgezogen hat. Bei der Melisse sind es die Blätter und Triebspitzen, geerntet von Juni bis August kurz vor der Blüte – danach sinkt der Gehalt an ätherischem Öl deutlich.

Der Geruch. Hier liegt der auffälligste Unterschied. Frische Baldrianwurzel riecht kaum. Erst beim Trocknen zerfallen die Valepotriate, die zu den Iridoiden zählen, und es entsteht Isovaleriansäure: jener durchdringende Geruch, der Katzen anlockt und dem Baldrian Volksnamen wie „Katzenwurzel” und „Stinkwurz” eingebracht hat. Der griechische Arzt Dioskurides verzeichnete die Wurzel unter dem lautmalerischen Namen „Phu” – wer je ein Glas getrockneter Wurzel geöffnet hat, versteht die Wahl sofort. Die Melisse verdankt ihren Zitronenduft dagegen dem Citral, einem Gemisch zweier Aldehyde. Ihr ätherisches Öl ist so spärlich, dass echtes Melissenöl zu den teuersten Destillaten überhaupt gehört. In die Häuser kam die Melisse deshalb von jeher als Tee.

Der überlieferte Einsatz am Abend

Baldrian, die Abendwurzel der Klostergärten. In der europäischen Volksheilkunde galt die Baldrianwurzel seit der Antike als Schlaf- und Nervenkraut. Ihren Höhepunkt erlebte sie im 18. und 19. Jahrhundert: Als „Nerventropfen” stand Baldriantinktur in jeder Apotheke und in vielen Haushalten griffbereit, für die unruhige Nacht ebenso wie für das Lampenfieber vor einer Prüfung oder das Herzklopfen aus Aufregung. Eine Einschränkung war den alten Kräuterkundigen dabei wichtig: Baldrian mache nicht auf Knopfdruck müde. Sie rechneten mit einer Anwendung über mehrere Wochen und sagten der Wurzel eine Ruhe nach, die sich erst allmählich einstelle – ein Kurmittel, kein Soforthelfer.

Gern mischte man ihn mit Hopfen, eine Verbindung, die schon in der Klostermedizin als stimmig galt und bis heute in vielen Teemischungen steckt. Wer den Hopfen lieber unters Kopfkissen legt, findet beim Hopfenkissen den passenden Brauch.

Melisse, der milde Herztrost. In alten Kräuterbüchern trägt die Melisse den Beinamen „Herztrost”. Gemeint war nicht der Herzmuskel, sondern das Gemüt: In der Volksheilkunde Mitteleuropas brühte man den Tee auf, wenn das Herz vor Aufregung klopfte und die Gedanken nicht stillhalten wollten. Ein zweiter Strang der Überlieferung betrifft den Magen – schlug die Aufregung oder ein schweres Abendessen auf den Bauch, griff man traditionell zur Melisse. Gerade ihre Milde machte sie zum Familienkraut.

Wie hoch das Kraut geschätzt wurde, zeigt eine Pariser Geschichte. 1611 begann man in einem Karmeliterkloster der Stadt, aus Melissenblättern einen Geist zu destillieren, der am französischen Hof rasch einen Namen hatte. 1826 griff Maria Clementine Martin in Köln die Rezeptur auf, und ihr „Klosterfrau Melissengeist” trägt die Tradition bis heute im Namen. Im Alltag aber kam die Melisse als schlichter Tee aus dem Garten auf den Tisch.

Welche weiteren Kräuter und Bräuche die Überlieferung für unruhige Nächte kennt, versammelt die Seite zu Einschlafproblemen.

So bereitest du Baldrian und Melisse zu

Baldriantee. Übergieße einen Teelöffel (2–3 g) klein geschnittene Wurzel mit 200 ml kochendem Wasser, decke die Tasse ab und lass den Aufguss 10 bis 15 Minuten ziehen. Getrunken wurde er traditionell eine halbe bis ganze Stunde vor dem Zubettgehen. Der Geschmack ist herb und erdig; ein Löffel Honig oder ein paar Melissenblätter in derselben Kanne machen ihn freundlicher.

Baldrian als Kaltauszug. Die Wurzel verträgt auch kaltes Wasser, und die Überlieferung schätzte diesen Weg besonders. Beim Kaltauszug bleiben die empfindlichen Valepotriate besser erhalten, die beim Aufbrühen teilweise zerfallen. Setz dieselbe Menge Wurzel mit kaltem Wasser an und lass sie etwa zwölf Stunden ziehen, am einfachsten vom Morgen bis zum Abend. Stell den Ansatz kühl, seihe ihn ab und erwärme ihn vor dem Trinken leicht. Weil das Wasser nie gekocht hat, verbrauchst du ihn am selben Tag.

Melissentee. Für eine Tasse nimmst du ein bis zwei Teelöffel getrocknete oder zwei bis drei Teelöffel frische Blätter auf 200 ml heißes Wasser und lässt den Tee zugedeckt etwa zehn Minuten ziehen. Das Abdecken ist bei der Melisse der wichtigste Handgriff, denn ihr flüchtiges Zitronenaroma entweicht sonst mit dem Dampf. Frische Blätter schmecken deutlich aromatischer als getrocknete, die ihren Duft nach spätestens einem Jahr verloren haben. Das ausführliche Rezept findest du beim Melissentee.

Als Tinktur. Für die Hausapotheke wurden beide Kräuter auch in Alkohol angesetzt. Eine Tinktur hält sich dunkel gelagert lange und ist zur Hand, wenn im Winter keine frischen Blätter wachsen. Für Baldrian setzt du 50 g getrocknete, zerkleinerte Wurzel in 250 ml Alkohol mit 45 Prozent an und lässt sie vier Wochen an einem dunklen Ort ziehen, täglich geschüttelt. Die Valepotriate lösen sich in Alkohol besser als in Wasser. Bei der Melisse genügen 30 g frische Blätter auf 150 ml Alkohol derselben Stärke und drei Wochen Ziehzeit. Wie der Ansatz gelingt, zeigt die Anleitung Kräutertinktur ansetzen; die überlieferten Tropfenmengen stehen in den beiden Monografien.

Sicherheit: Darauf achtest du bei beiden

Beide Kräuter gelten als gut verträglich, doch einige Punkte musst du kennen.

Baldrian:

  • Fahr in den ersten Tagen der Einnahme kein Auto und bediene keine Maschinen, bis du weißt, wie du auf Baldrian reagierst.
  • Trink keinen Alkohol dazu – Baldrian kann dessen dämpfende Wirkung verstärken.
  • Nicht für Kinder unter 12 Jahren.
  • In Schwangerschaft und Stillzeit nicht innerlich anwenden. Ein Baldrianbad nur nach Rücksprache mit der Hebamme.
  • Bei manchen Menschen stellt sich statt Ruhe eine paradoxe Unruhe ein, gelegentlich auch Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Dann setzt du den Baldrian ab.

Melisse:

  • Bei einer Schilddrüsenunterfunktion verzichte auf den regelmäßigen Gebrauch.
  • Nimmst du Schilddrüsenhormone wie Levothyroxin, sprich vor regelmäßigem Gebrauch mit deiner Ärztin und halte mindestens zwei Stunden Abstand zur Tablette.
  • Verwendest du Augentropfen gegen erhöhten Augeninnendruck, klär den regelmäßigen Gebrauch ärztlich ab.
  • Bei einer Allergie gegen Lippenblütler wie Minze, Salbei oder Thymian verzichtest du auf die Melisse.
  • In Schwangerschaft und Stillzeit keinen Melissentee trinken, weil ausreichende Sicherheitsdaten fehlen.
  • Kinder: Unter 1 Jahr keinen Melissentee geben. Ab 1 Jahr höchstens dünn aufgegossen (halbe Blättermenge) und nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis.

Für beide:

  • Baldrian und Melisse können die Wirkung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln verstärken. Beim Baldrian gilt Vorsicht außerdem bei Mitteln gegen Krampfanfälle, Antidepressiva, Blutdruck- und Schilddrüsenmedikamenten. Nimmst du eines davon, sprich vor der Anwendung mit deiner Ärztin.
  • Tinkturen enthalten Alkohol und kommen für Kinder, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei einer Alkoholproblematik nicht in Frage.

Und unabhängig vom Kraut: Halten Schlafprobleme länger als vier Wochen an oder bist du tagsüber so erschöpft, dass der Alltag leidet, gehört das in ärztliche Hände. Ein Abendtee ist ein Ritual, kein Ersatz für eine Abklärung.

Entscheidungshilfe: Baldrian oder Melisse?

BaldrianMelisse
PflanzenteilWurzelstock, im Herbst gegrabenBlätter, im Sommer vor der Blüte geerntet
Geruchstreng und erdig, die „Katzenwurzel”frisch nach Zitrone
Charakter in der Überlieferungkräftig, als Kur über Wochen gedachtmild, für den einzelnen Abend
Überlieferter Anlasshartnäckig unruhige Nächte, LampenfieberGedankenkreisen, Aufregung, nervöser Magen
ZubereitungTee, Kaltauszug, Tinktur, BadTee frisch oder getrocknet, Tinktur, Bad
Kindernicht unter 12 Jahrenunter 1 Jahr nicht; ab 1 Jahr höchstens dünn aufgegossen und nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis
Schwangerschaft & Stillzeitnicht innerlichkein Melissentee
Besonders beachtenFahrtüchtigkeit, kein AlkoholSchilddrüse

Die Faustregel der alten Hausapotheke ließe sich so fassen: Die Melisse ist der Tee für den Abend, der nur ein wenig Ruhe braucht – wenn die Gedanken kreisen oder der Magen nach einem aufregenden Tag rumort. Der Baldrian ist das Kraut für eine Phase unruhiger Nächte, verbunden mit der Geduld, ihm einige Wochen Zeit zu geben, und mit dem Auto, das in den ersten Tagen stehen bleibt.

Oft musst du gar nicht wählen. In vielen überlieferten Schlafteemischungen stehen beide nebeneinander, gern ergänzt um Hopfen und Lavendel, und die Melisse nimmt der Wurzel dort etwas von ihrer Strenge. Ein Beispiel für eine solche Mischung findest du im Beitrag Baldrian, Lavendel und Amethyst: überlieferte Abendrituale für die Nacht. Und wer im Teeregal zwischen zwei anderen Klassikern schwankt, liest weiter bei Kamille oder Pfefferminze.

Die Inhalte auf altes-wissen.org dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultiere bei gesundheitlichen Beschwerden immer eine Ärztin oder einen Arzt.