Volksheilkunde & Geschichte
Die Geschichte der Teufelskralle in Europa ist jung und eng mit der Kolonialzeit verknüpft. In ihrer Heimat dagegen reicht der Gebrauch weit zurück: Die San und die Nama des südlichen Afrikas kannten die bittere Wurzel über Generationen als Mittel für Magen und Verdauung, bei Fieber und Gliederschmerzen und als Auflage auf Geschwüre und wunde Haut.
Nach Deutschland gelangte das Wissen der Überlieferung nach zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erzählt wird, dass der Siedler G. H. Mehnert während der deutschen Kolonialzeit in Deutsch-Südwestafrika – dem heutigen Namibia – um 1904 von einem einheimischen Heiler auf die Wurzel aufmerksam wurde und Proben nach Europa schickte. Lange blieb die Pflanze ein Kuriosum; erst ab den 1950er-Jahren fand die getrocknete Teufelskralle ihren festen Platz in der europäischen Naturheilkunde, wo sie vor allem bei Gelenk- und Rückenbeschwerden ihren Ruf gewann.
Die Signaturenlehre, die in Europa Pflanzen nach Gestalt und Wesen deutete, hatte für diese späte Ankömmlingin keine Rolle mehr – die Teufelskralle wurde von Anfang an als Wurzeldroge des Hausgebrauchs gehandelt, nicht als Kraut der mittelalterlichen Klostergärten. Ihr deutscher Name aber, der zwischen Frucht und Frömmigkeit changiert, verrät noch immer den Schrecken, den die hakenbewehrte Kapsel den ersten europäischen Beobachtern einflößte.
Überlieferte Wirkung
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.
Ihr ältestes Reich war der Magen. In der überlieferten Heilkunde des südlichen Afrikas galt die bittere Knolle als Mittel für den trägen Leib: Man sagte ihr nach, sie bringe einen müden Magen in Gang und wecke den Appetit – ein Gebrauch, wie er den Bitterkräutern aller Kulturen eigen ist. Auch bei Fieber und als Auflage auf wunde Haut kannten die San und Khoikhoi die Wurzel seit jeher.
In Europa rückte ein anderer Strang der Überlieferung in den Vordergrund. Seit die Teufelskralle in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der hiesigen Naturheilkunde Fuß fasste, wird sie traditionell bei Verschleißbeschwerden der Gelenke, bei steifem Rücken und schweren, „reißenden” Gliedern verwendet. Der Überlieferung nach nimmt die Wurzel müden Gelenken etwas von ihrer Schwere; ihr wird, wie vielen Bitterdrogen, eine entzündungshemmende Wirkung nachgesagt.
Wer auf die Teufelskralle vertraut, rechnet traditionell mit Geduld. Anders als manchem Kraut schrieb man ihr nie eine schlagartige Wirkung zu, sondern eine, die sich erst über Wochen regelmäßiger Anwendung einstellen soll – ein Kurmittel, kein Soforthelfer. Diese Eigenheit zieht sich durch alle alten Anwendungsberichte.
Basiswissen
Ihren grimmigen Namen verdankt die Teufelskralle nicht der Wurzel, die man von ihr nutzt, sondern ihrer Frucht: Aus der verholzten Kapsel ragen lange, gekrümmte Arme mit kräftigen Widerhaken, die sich Weidetieren in Hufe und Fell krallen und als Klette mitreisen – ein Anblick, der Siedlern wie Hirten teuflisch genug erschien, um der Pflanze gleich mehrere Schreckensnamen einzutragen. Der botanische Name Harpagophytum sagt dasselbe in der Gelehrtensprache: aus dem Griechischen harpagos, der Enterhaken, und phyton, die Pflanze. Das Artwort procumbens meint schlicht „niederliegend”, denn ihre Triebe kriechen flach über den ausgedörrten Boden.
Zu Hause ist sie in den Trockensteppen des südlichen Afrikas – in der Kalahari Namibias und Botswanas und den angrenzenden Savannen. Dort gruben die San und die Khoikhoi seit Menschengedenken nicht die Hakenfrucht aus, sondern die fingerdicken Speicherknollen, die tief unter der Mutterwurzel hängen: bitter wie Galle und in der überlieferten Hausapotheke des Buschlandes als Mittel für den trägen Magen, bei Fieber und Gliederschmerzen und als Auflage auf wunde Haut geschätzt. Nach Europa kam dieses Wissen erst spät und auf Umwegen, die in den Geschichtsabschnitt gehören.
Botanische Merkmale
Die Teufelskralle ist eine ausdauernde, krautige Pflanze, deren niederliegende Triebe sternförmig aus einem Wurzelkopf strahlen und bis zu eineinhalb Meter weit über den Sand kriechen, ohne sich aufzurichten. Aus dem Wurzelkopf zieht eine kräftige Pfahlwurzel bis zu einem Meter in die Tiefe – an ihr hängen die knolligen Seitenwurzeln, die den genutzten Teil bilden.
Blätter: Die Blätter sind fleischig, grau-grün und unregelmäßig gelappt bis tief eingeschnitten; ihre ledrige, wachsige Oberfläche schützt vor der Verdunstung in der Steppenhitze.
Blüten: Einzeln in den Blattachseln sitzen die trompeten- bis fingerhutförmigen Blüten, außen blass und im Schlund kräftig rosa-violett bis purpurrot gefärbt. Sie öffnen sich nach den seltenen Regenfällen.
Frucht: Das auffälligste Merkmal ist die holzige Kapselfrucht mit zwei Reihen langer, verzweigter Arme, die in gekrümmten Widerhaken enden – die namensgebende „Kralle”. An ihr unterscheidet man die Art zuverlässig von allen heimischen Pflanzen.
Wurzel: Genutzt werden die sekundären Speicherknollen (Sekundärknollen), die fingerdick an der Pfahlwurzel hängen. Frisch sind sie sehr wasserreich; beim Trocknen verlieren sie stark an Masse und werden hart und hornig.
Verwechslungsgefahr: Zweierlei ist zu beachten. Erstens trägt im deutschen Sprachraum auch eine völlig andere, harmlose Gebirgspflanze den Namen Teufelskralle – die Phyteuma-Arten aus der Familie der Glockenblumengewächse (Campanulaceae). Sie haben mit der afrikanischen Heilpflanze nichts gemein und sind kein Ersatz. Zweitens wird die nahe verwandte Schwesterart Harpagophytum zeyheri gelegentlich unter die Handelsware gemischt; sie sieht der echten Teufelskralle ähnlich, enthält aber deutlich weniger der kennzeichnenden Leitsubstanz Harpagosid – ein Grund, beim Kauf auf die Artangabe zu achten.
Standort & Verbreitung
Die Teufelskralle ist ein ausgesprochenes Kind der Trockengebiete. Sie wächst in den sandigen bis tonigen Böden der Kalahari und der angrenzenden Steppen Namibias, Botswanas, Südafrikas, Angolas und des südlichen Sambia. Lange Trockenheit, sengende Sonne und nur wenige Regentage im Jahr sind ihr Element – ihre tiefe Pfahlwurzel und die wasserspeichernden Knollen sind die Antwort der Pflanze auf das harte Steppenklima.
In Mitteleuropa kommt sie nicht vor und lässt sich auch im Garten nicht ziehen: Kälte, Nässe und schwere Böden verträgt sie nicht. Anders als bei Kamille oder Baldrian gibt es für die Teufelskralle daher kein Aussäen im heimischen Beet. Wer sie verwenden möchte, ist auf die getrocknete Wurzel aus kontrollierter Wildsammlung angewiesen, die aus ihren Heimatländern eingeführt wird.
Ernte & Sammlung
Erntezeit: In der Heimat werden die Speicherknollen vor allem in der Trockenzeit von Hand ausgegraben, wenn der Boden bearbeitbar und der Wirkstoffgehalt der Knollen hoch ist.
Pflanzenteil: Geerntet werden ausschließlich die sekundären Knollen an der Pfahlwurzel. Bei sorgsamer Sammlung bleibt die Mutterwurzel im Boden, sodass die Pflanze am selben Standort nachwachsen kann – eine Regel, die über den Fortbestand der Wildbestände entscheidet.
Verarbeitung: Die frischen Knollen werden gewaschen, in Scheiben oder Stücke geschnitten und in der Sonne getrocknet. Beim Trocknen schrumpfen sie auf einen Bruchteil ihres Gewichts und werden steinhart; der intensiv bittere Geschmack bleibt dabei erhalten.
Für den europäischen Gebrauch: Die Teufelskralle ist keine Pflanze zum Selbersammeln. Man bezieht die getrocknete, geschnittene Wurzel (Harpagophyti radix) aus Apotheke oder Kräuterhandel. Auf zertifiziert nachhaltige Herkunft achten und prüfen, dass die Ware von Harpagophytum procumbens stammt.
Haltbarkeit: In verschlossenen, dunklen Gefäßen ist die getrocknete Wurzel ein bis zwei Jahre haltbar. Lässt der bittere Geschmack deutlich nach, ist die Ware überlagert.
Inhaltsstoffe
| Wirkstoffgruppe | Hauptvertreter | Gehalt |
|---|---|---|
| Iridoidglykoside | Harpagosid, Harpagid, Procumbid | 1–3 % |
| Phenylethanoid-Glykoside | Acteosid (Verbascosid), Isoacteosid | Spuren |
| Zucker | Stachyose | bis 50 % |
| Flavonoide | Kaempferol, Luteolin | Spuren |
| Phytosterole | β-Sitosterol, Stigmasterol | Spuren |
| Triterpene | Ursolsäure, Oleanolsäure | Spuren |
Harpagosid gilt als die kennzeichnende Leitsubstanz der Teufelskrallenwurzel. Das Arzneibuch verlangt von der getrockneten Droge (Harpagophyti radix) einen Mindestgehalt an Harpagosid; an diesem Wert messen Hersteller bis heute die Güte einer getrockneten Charge. Die harpagosidärmere Schwesterart Harpagophytum zeyheri erreicht diese Werte oft nicht.
Iridoidglykoside sind zugleich für den ausgeprägt bitteren Geschmack verantwortlich, der die Wurzel auszeichnet – die Teufelskralle gehört damit botanisch wie sensorisch zu den klassischen Bitterdrogen.
Stachyose, ein Mehrfachzucker, macht den größten Teil der Trockenmasse aus; sie ist das Speicherzuckerdepot, mit dem die Knolle die langen Dürrezeiten ihrer Heimat übersteht.
Anwendung
Teufelskrallen-Tee (innerlich)
Zubereitung: 1 gehäuften Teelöffel (ca. 1,5 g) fein geschnittene Wurzel mit 300 ml Wasser ansetzen. Am schonendsten ist der Kaltansatz: über Nacht (etwa 8 Stunden) in kaltem Wasser ziehen lassen, abseihen und vor dem Trinken leicht erwärmen. Alternativ mit kochendem Wasser übergießen und zugedeckt 15 Minuten ziehen lassen.
Dosierung: Über den Tag verteilt etwa 3 Tassen, schluckweise getrunken. Wegen des stark bitteren Geschmacks für die Verdauung am besten vor den Mahlzeiten.
Traditionell verwendet bei: trägem Magen, schwachem Appetit, Gelenk- und Rückenbeschwerden (als wochenlange Kur).
Teufelskrallen-Tinktur (innerlich)
Zubereitung: 20 g getrocknete, zerkleinerte Wurzel in 100 ml Alkohol (45 %) einlegen, 2 Wochen an einem dunklen Ort ziehen lassen, täglich schütteln, abseihen.
Dosierung: 10–30 Tropfen in etwas Wasser, bis zu 3-mal täglich. Die Tropfen sind ausgesprochen bitter – das gehört zur Sache.
Überliefert bei: nachlassendem Appetit, Völlegefühl, als bequeme Form der Gelenk-Kur.
Teufelskrallen-Einreibung (äußerlich)
Zubereitung: 50 g zerkleinerte Wurzel in 250 ml Pflanzenöl geben und im warmen Wasserbad (höchstens 40 °C) über mehrere Stunden ausziehen oder 4 Wochen kalt stehen lassen, dann abseihen.
Anwendung: Den Ölauszug in die Glieder, den unteren Rücken oder einzelne Muskelpartien einmassieren.
Überliefert bei: steifen Gelenken, verspanntem Rücken, schweren Gliedern – in Anlehnung an den alten afrikanischen Gebrauch, die Wurzel äußerlich aufzulegen.
Hinweis zur Anwendungsdauer
Die überlieferte Anwendung bei Gelenk- und Rückenbeschwerden ist auf Wochen angelegt. Üblich ist eine Kur über sechs bis acht Wochen; eine rasche Wirkung ist nach altem Verständnis nicht zu erwarten.
Sicherheit
Kontraindikationen:
- Bei aktiven Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren nicht anwenden – die Bitterstoffe regen die Magensaftproduktion an und können den Magen zusätzlich reizen.
- Bei Gallensteinen nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden – die Bitterstoffe regen den Gallenfluss an.
- In Schwangerschaft und Stillzeit nicht einnehmen: In der afrikanischen Überlieferung wurde die Wurzel zur Wehenförderung bei der Geburt eingesetzt; in der Schwangerschaft ist die Anwendung deshalb zu unterlassen.
Wechselwirkungen:
- Bei Einnahme blutverdünnender Mittel (z. B. Phenprocoumon, Warfarin) die Anwendung vorher ärztlich abklären – eine Verstärkung der Wirkung ist möglich.
- Bei Diabetes den Blutzucker im Blick behalten, da die Wurzel ihn beeinflussen kann.
- Bei Herzrhythmus- oder Blutdruckmedikamenten Vorsicht – in größeren Mengen kann die Teufelskralle Herzschlag und Kreislauf beeinflussen; im Zweifel ärztlich abklären.
Kinder: Nicht ohne ärztlichen Rat bei Kindern anwenden – es fehlen ausreichende Sicherheitsdaten.
Nebenwirkungen: Gelegentlich treten Magen-Darm-Beschwerden, Durchfall oder Kopfschmerzen auf. Bei empfindlichem Magen kann der bittere Auszug drücken; in diesem Fall die Anwendung beenden.
Qualität: Nur Ware aus zertifiziert nachhaltiger Wildsammlung verwenden und darauf achten, dass die Droge von Harpagophytum procumbens stammt, nicht von der harpagosidärmeren Harpagophytum zeyheri.
Grenzen des Hausgebrauchs: Bei akuten, heftigen oder anhaltenden Gelenk- und Rückenschmerzen, bei geröteten, geschwollenen oder überwärmten Gelenken, bei Fieber, Taubheitsgefühlen oder in Arme oder Beine ausstrahlenden Schmerzen gehört die Ursache in ärztliche Hände – nicht in die Teekanne.
Querverweise
Ätherische Öle: Rosmarinöl – wird traditionell in Einreibungen für schwere Glieder und verspannte Muskeln verwendet; Pfefferminzöl – im Hausgebrauch für kühlende Einreibungen bei Verspannungen geschätzt
Hausmittel: Kräutertinktur – die Grundtechnik, nach der sich auch die Teufelskralle als bitterer Auszug ansetzen lässt; Kartoffelwickel – warmer Wickel, traditionell bei steifem Rücken und müden Gelenken
Verwandte Kräuter: Ingwer (wärmende Wurzel, im Hausgebrauch bei steifen Gliedern geschätzt), Kurkuma (Wurzelgewürz, traditionell bei Gelenkbeschwerden verwendet), Brennnessel (altes Frühjahrskraut, in der Volksheilkunde bei reißenden Gliederschmerzen gebraucht)
Heilsteine: Fluorit – wird in der Steinheilkunde traditionell den Themen Knochen, Gelenke und Beweglichkeit zugeordnet
Anwendungen: Rückenschmerzen · Gelenkschmerzen · Muskelverspannungen