Zwei Öle, fast derselbe Name
Auf dem Plateau de Valensole steht im Juli ein Violett bis zum Horizont, und fast jeder, der davor fotografiert, hält es für Lavendel. Das meiste davon ist Lavandin. Die beiden Pflanzen sind eng verwandt, ihre Öle stehen im Laden oft nebeneinander, und auf manchem Etikett heißt beides schlicht „Lavendelöl“. Trotzdem riechen sie verschieden, kosten verschieden viel und folgen bei Kindern verschiedenen Regeln.
Der Name verbindet sie: „Lavandin“ ist eine provenzalische Ableitung von „lavande“, und beide führen auf das lateinische lavare zurück, waschen. Beim Lavandin ist das fast Programm, denn er wurde zum Duft der sauberen Wäsche. Das Echte Lavendelöl dagegen blieb das feinere Öl für Haut und Abend. Wie sich die beiden unterscheiden und wofür du welches Öl nimmst, ordnet dieser Vergleich.
Der Unterschied: Hochlage gegen Hybride
Der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia, auch L. officinalis oder L. vera) ist ein Halbstrauch der kargen Höhen. Er wächst in 800 bis 1800 Metern auf magerem, kalkhaltigem Boden, wird 30 bis 60 Zentimeter hoch und trägt an jedem Stängel eine einzige Blütenähre. Kälte, Wind und Nährstoffmangel treiben ihn an, ätherisches Öl zu bilden – aber in kleinen Mengen: Für einen Liter werden 120 bis 150 Kilogramm frische Blüten gebraucht, ein Hektar Hochlagenlavendel liefert etwa 15 bis 25 Kilogramm Öl.
Der Lavandin (Lavandula × intermedia) ist eine Kreuzung aus Echtem Lavendel und Speik-Lavendel (Lavandula latifolia); das „ד im Namen ist das botanische Zeichen dafür. Die Hybride ist weitgehend steril und wird über Stecklinge vermehrt, ein ganzes Feld besteht oft aus Klonen einer einzigen Mutterpflanze. Lavandin wird 60 bis 80 Zentimeter hoch, seine Stängel verzweigen sich und tragen häufig drei Ähren. Er gedeiht in milderen Lagen zwischen etwa 400 und 800 Metern, verträgt die Maschinenernte und bringt je Hektar das Drei- bis Fünffache an Öl. Mehr zur Pflanze selbst erzählt die Monografie zum Lavendel.
In der Flasche zeigt sich der Unterschied an vier Stoffen. Beide Öle tragen viel Linalool, ein Monoterpenol, und Linalylacetat, einen Ester, der die süße, blumige Weichheit mitbringt. Der Echte Lavendel hält dazu Kampfer, ein Keton, unter 1,5 Prozent und 1,8-Cineol, ein Oxid, unter 2,5 Prozent. Beim Lavandin liegt der Kampfer bei 6 bis 10 Prozent, das Cineol bei 4 bis 8 Prozent. Diese beiden Stoffe machen seinen Duft frischer und durchdringender – und sie sind der Grund für seine strengeren Sicherheitsregeln.
Duft und Etikett: Was steckt in der Flasche?
Am schnellsten entscheidet die Nase. Echtes Lavendelöl riecht weich und blumig-süß, mit balsamischem Ausklang und nur einem Hauch Kampfer in der Kopfnote. Lavandin öffnet kühl und klar, fast medizinal; der Lavendelcharakter folgt erst in der Herznote und bleibt herber. Wer beide einmal nebeneinander auf einem Riechstreifen hatte, verwechselt sie kaum noch.
Auf dem Etikett zählt vor allem der lateinische Name. Lavandula angustifolia steht für Echten Lavendel, Lavandula × intermedia für Lavandin – sorgfältige Anbieter nennen dann auch den Klon, etwa „Grosso“, „Abrial“ oder „Super“. „Lavendelöl“ ohne Artangabe kann beides sein. Weitere Hinweise geben Herkunft und Preis: Das Siegel AOP „Huile essentielle de lavande de Haute-Provence“ gibt es nur für Echten Lavendel, und Lavandinöl kostet meist ein Drittel bis die Hälfte. Liegt eine GC/MS-Analyse bei, verrät der Kampferwert die Pflanze. Ausführlich geht es darum im Beitrag Echtes Lavendelöl erkennen.
Wie die beiden sich die Arbeit teilten
Lange galt der Lavandin als „Bastard“ des Echten Lavendels, der in den provenzalischen Wildbeständen von selbst entstand, wo sich die Areale beider Eltern überschnitten. Im frühen 20. Jahrhundert wendete sich das Blatt: Die Seifensieder von Marseille und die Duftindustrie von Grasse brauchten mehr Lavendelduft, als die Hochlagen hergaben, und begannen, die ergiebige Hybride gezielt anzubauen. Der Savon de Marseille verdankte seinen vertrauten Geruch über Jahrzehnte vor allem dem Lavandin. Um 1972 setzte sich eine besonders robuste Auslese durch, benannt nach dem Pflanzer Pierre Grosso aus dem Vaucluse, der sie selektiert hatte. Der Klon „Grosso“ bedeckt heute den Großteil der Felder, die auf Postkarten landen.
Im Haushalt ergab sich daraus eine Aufgabenteilung, die viele Familien bis heute beibehalten. Das kostbare Lavendelöl blieb dem Körper und dem Abend vorbehalten. Wöchnerinnen erhielten Lavendelwaschungen, und in der Volksheilkunde gilt das Öl seit Generationen als Begleiter unruhiger Nächte: ein paar Tropfen in der Duftlampe, ein Tuch neben dem Kissen. Verdünnt tupfte man es auf Insektenstiche und kleine Schrammen.
Der Lavandin übernahm die Hauswirtschaft und beduftete Putzwasser, Seifen und Wäscheschränke. Schon der englische Apotheker John Parkinson riet 1629, Lavendel zwischen die Leinenwäsche zu legen – des guten Geruchs wegen und gegen Ungeziefer. Dem kampferigen Lavandin ordnete die Aromatradition zudem eher das Durchatmen und Klarwerden zu, während dem Echten Lavendel das Einschlafen zugeschrieben wurde.
Anwendung: Duftlampe, Säckchen und Haut
Raumduft. Für den Diffuser nennen die Monografien drei bis fünf Tropfen Lavendelöl oder vier bis sechs Tropfen Lavandinöl; in der Duftlampe genügen ein paar Tropfen in der Wasserschale. Der Echte Lavendel gehört traditionell in die Stunde vor dem Schlafengehen, der frischere Lavandin eher in den Tag. Weitere Ideen sammelt die Seite Raumduft.
Lavendelsäckchen. Für das Lavendelsäckchen unter dem Kopfkissen nimmst du getrocknete Blüten des Echten Lavendels. Lavandinblüten riechen schärfer und passen besser in den Kleiderschrank, wo ihr Duft die Kleidermotten von Wolle und Leinen fernhalten soll. Lässt ein Schranksäckchen nach, frischen zwei bis drei Tropfen Lavandinöl es wieder auf, alle vier bis sechs Wochen erneut. Mehr dazu unter Motten abwehren.
Wäsche und Putzwasser. Gib drei bis vier Tropfen Lavandinöl auf ein Wolltuch und leg es mit in den Trockner, oder rühre fünf bis acht Tropfen mit einem Schuss Schmierseife in einen Eimer lauwarmes Wasser. Tropfe das Öl nie unverdünnt auf helle Textilien, es kann Flecken hinterlassen.
Haut und Bad. Hier liegt der Echte Lavendel vorn. Für Massage- und Pflegeöle gilt bei Erwachsenen eine Verdünnung von 1 bis 2 Prozent, also 6 bis 12 Tropfen auf 30 Milliliter Basisöl wie Mandel- oder Jojobaöl; im Gesicht höchstens 0,5 bis 1 Prozent. Für ein Bad rührst du 5 bis 8 Tropfen Lavendelöl zuerst in Sahne, Honig oder Meersalz, denn ätherisches Öl löst sich nicht im Wasser – fertig gemischt gibt es das als Lavendel-Badesalz. Lavandinöl darf bei Erwachsenen ebenfalls verdünnt auf die Haut, etwa 6 Tropfen auf 30 Milliliter Mandelöl für müde Schultern, aber nicht ins Gesicht.
Sicherheit: gleiche Familie, verschiedene Regeln
Für beide Öle gilt:
- Niemals unverdünnt auf die Haut auftragen und nicht einnehmen.
- Vor der ersten Anwendung 1 Tropfen in 5 ml Basisöl auf der Arminnenseite testen und 24 Stunden abwarten. Beide Öle enthalten die deklarationspflichtigen Allergene Linalool, Geraniol, Coumarin und Limonen; wer auf Minze, Thymian oder Rosmarin empfindlich reagiert, ist besonders vorsichtig.
- Dunkel, kühl und fest verschlossen lagern und nach dem Öffnen innerhalb von 12 Monaten aufbrauchen – oxidiertes Öl reizt die Haut eher.
- Haustiere: Weder Lavendel- noch Lavandinöl an Katzen anwenden oder in geschlossenen Räumen mit Katzen vernebeln; ihnen fehlt das Enzym, um Terpene abzubauen. Bei Hunden nur nach tierärztlicher Beratung.
Beim Lavandinöl kommt der Kampfer hinzu, der in höherer Dosierung nervengiftig ist:
- Nicht bei Kindern unter 12 Jahren: weder auftragen noch im selben Raum vernebeln – bei Säuglingen und Kleinkindern drohen Stimmritzenkrampf und akute Atemnot.
- In Schwangerschaft und Stillzeit verzichten.
- Bei Krampfneigung oder Epilepsie meiden.
- Nicht im Gesicht anwenden.
Beim Echten Lavendelöl sind die Grenzen weiter, aber nicht offen:
- Bei Kindern unter zwei Jahren nicht anwenden. Von zwei bis sechs Jahren höchstens 0,25 Prozent, von sechs bis zwölf Jahren höchstens 0,5 Prozent – und nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis.
- In der Schwangerschaft nicht verwenden, weil für diese Zeit ausreichende Sicherheitsdaten fehlen.
- Bei Einnahme von Blutdruckmedikamenten vorher ärztlichen Rat einholen; vor Operationen mindestens zwei Wochen vorher absetzen.
Alle Werte im Überblick zeigt die Seite Ätherische Öle: Sicherheit & Verdünnung.
Entscheidungshilfe: Welches Öl wofür?
| Echtes Lavendelöl | Lavandinöl | |
|---|---|---|
| Pflanze | Lavandula angustifolia | Lavandula × intermedia (Kreuzung mit Speik-Lavendel) |
| Anbau | Hochlagen, 800–1800 m | mildere Lagen, 400–800 m, Maschinenernte |
| Ausbeute | 15–25 kg Öl je Hektar | drei- bis fünfmal so viel |
| Duft | weich, blumig-süß, balsamisch | frisch, herb, deutlich kampferig |
| Kampfer / 1,8-Cineol | unter 1,5 % / unter 2,5 % | 6–10 % / 4–8 % |
| Preis | etwa 15–30 EUR je 10 ml | etwa ein Drittel bis die Hälfte |
| Traditioneller Platz | Haut, Bad, Kopfkissen, Abend | Wäsche, Putzwasser, Kleiderschrank, Raumduft am Tag |
| Gesicht | verdünnt 0,5–1 % | nicht verwenden |
| Kinder | unter 2 Jahren nicht; 2–6 Jahre höchstens 0,25 %, 6–12 Jahre höchstens 0,5 %, nur nach Rücksprache mit der Kinderarztpraxis | unter 12 Jahren weder auftragen noch vernebeln |
| Schwangerschaft | nicht verwenden | nicht verwenden |
| Katzen | nicht anwenden, nicht vernebeln | nicht anwenden, nicht vernebeln |
Die kurze Faustregel aus vielen Haushalten: Lavendel für Haut und Kissen, Lavandin für Schrank und Eimer. Lavandin ist dabei nicht das schlechtere Öl, sondern das robustere – für Wäscheduft und Putzwasser wäre das feine Hochlagenöl zu schade. Wird ein Baby erwartet, kommt keines der beiden Öle auf die Haut oder in den Diffuser. Leben Kinder unter 12 Jahren im Haus, bleibt der kampferreiche Lavandin ebenso draußen, und das Echte Lavendelöl kommt nur mit den Grenzen aus dem Abschnitt „Sicherheit“ zum Einsatz. Am klügsten ist, wer beide Fläschchen kennt und auf dem Etikett nachliest, welches gerade in der Hand liegt.