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Brauchtum

Johanniskraut & Sommersonnenwende – Brauchtum um Johanni.

Wenn die Tage am längsten sind, blüht das Johanniskraut. Hier erfährst du, warum es zur Sonnenwende gesammelt wurde, welche Kräuter zum Johanni-Brauch gehören und wie sich die alten Bräuche bis heute halten.

Redaktion Altes Wissen
Johanniskraut & Sommersonnenwende – Brauchtum um Johanni
Auf dieser Seite6Abschnitte
  1. Der längste Tag und das Kraut, das wie die Sonne blüht
  2. Johanni – die Tage zwischen dem 21. und 24. Juni
  3. Das Johanniskraut – Sonnenkraut mit blutrotem Saft
  4. Schafgarbe, Beifuß & Co. – die anderen Sonnwendkräuter
  5. Wann sammeln? Der Sonnwendmorgen und der volle Mond
  6. Wie der Brauch bis heute weiterlebt

Der längste Tag und das Kraut, das wie die Sonne blüht

Es gibt im Jahr einen Moment, an dem das Licht seinen Höhepunkt erreicht: die Sommersonnenwende um den 21. Juni. Danach werden die Tage wieder kürzer – kaum merklich zuerst, aber die Wende ist getan. Die alte bäuerliche Welt nahm diesen Wendepunkt sehr ernst. Und kein Kraut steht ihm so nahe wie das Johanniskraut, das ausgerechnet jetzt seine kleinen, leuchtend gelben Blüten öffnet.

Seinen Namen trägt es vom Johannistag, dem 24. Juni, dem Fest Johannes des Täufers. Die Kirche legte dieses Fest bewusst nahe an die Sonnenwende – so wie Weihnachten nahe an die Winterwende rückte. Was vorher ein heidnisches Lichtfest war, bekam einen christlichen Namen, und die Kräuter, die man zu dieser Zeit sammelte, wurden zu „Johanniskräutern”. Das Hypericum perforatum, das wir heute meist meinen, wenn wir Johanniskraut sagen, ist nur das berühmteste unter ihnen.

Zerreibst du eine Blüte zwischen den Fingern, färbt sich die Haut rötlich. Dieser blutrote Saft hat der Pflanze viele Namen und Geschichten eingetragen – dazu gleich mehr. Erst einmal lohnt der Blick auf die Zeit, die das alles trägt: die Tage um Johanni.

Johanni – die Tage zwischen dem 21. und 24. Juni

Die Sonnenwende fällt astronomisch auf den 20. oder 21. Juni, der Johannistag auf den 24. Diese paar Tage dazwischen bildeten im bäuerlichen Jahr eine kleine, festliche Schwelle. Mit Johanni endete vielerorts eine Frist: Der Spargel wurde nicht mehr gestochen („Kirschen rot, Spargel tot” hieß eine Regel zum Stichtag), der Rhabarber blieb von da an stehen, und die erste große Heuernte war eingebracht oder stand kurz bevor.

Vor allem aber war es die Zeit der Sonnwendfeuer. Auf Bergkuppen und Feldern wurden Feuer entzündet, über die junge Paare sprangen, um Glück fürs kommende Jahr zu erbitten. Das Feuer sollte das schwindende Sonnenlicht symbolisch nähren und zugleich Haus und Flur schützen. In den Alpenländern brennen diese Sonnwendfeuer bis heute – ein Brauch, der die kürzeste Nacht zur hellsten macht.

In dieser Stimmung sammelten Kräuterkundige ihre Sonnwendkräuter. Der Überlieferung nach galten Pflanzen, die um Johanni geschnitten wurden, als besonders kräftig – die Sonne stand am höchsten, und mit ihr, so der Gedanke, auch die Kraft im Kraut. Ob im Klostergarten oder am Wegrand: Was jetzt blühte, wanderte in Sträuße, Kränze und Kräuterbündel.

Das Johanniskraut – Sonnenkraut mit blutrotem Saft

Beim Johanniskraut treffen sich Botanik und Sage auf engstem Raum. Halte ein Blatt gegen das Licht, und du siehst es übersät mit winzigen hellen Punkten – sie sehen aus wie feine Löcher, sind aber Öldrüsen. Daher der lateinische Beiname perforatum, „durchlöchert”, und der deutsche Name Tüpfel-Johanniskraut. Reibst du dagegen die Blüten oder Knospen, tritt der erwähnte rote Saft aus, das Hypericin.

Genau dieser rote Saft hat die Volksfantasie über Jahrhunderte beschäftigt. Man deutete ihn als das Blut Johannes des Täufers und nannte die Pflanze „Johannisblut”. In der Signaturenlehre – jener alten Denkweise, die in Form und Farbe einer Pflanze einen Hinweis auf ihre Bestimmung las – galt das sonnengelbe Kraut mit dem blutroten Saft als ein Kraut des Lichts gegen das Dunkle. Man band es über die Türschwelle und steckte es ans Fenster, um Haus und Stall zu schützen; ein alter Spruch reimt: „Hartheu, Hartheu, weich vom Haus, treib die bösen Geister aus.”

Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferten Traditionen der Volksheilkunde. Sie ersetzen keine medizinische Diagnose oder Behandlung.

In der Volksheilkunde gilt das Johanniskraut seit jeher als ein Kraut der hellen Stimmung – man sagte ihm nach, es trage etwas vom Sommerlicht in den dunklen Tagen weiter. Die Klostermedizin reihte es unter die wärmenden Kräuter. Aus den Blüten setzte man in vielen Höfen das „Johannisöl” an, das berühmte Rotöl: eine Handvoll frischer Blüten in gutem Pflanzenöl, das man wochenlang ans sonnige Fenster stellte, bis es sich tiefrot färbte. Traditionell wurde dieses Rotöl bei beanspruchter Haut und für Einreibungen verwendet. Mehr zur Pflanze und ihrem Hintergrund findest du in unserer Monografie zum Johanniskraut.

Wann zum Arzt? Frische Johanniskraut-Zubereitungen und besonders das Rotöl können die Haut lichtempfindlicher machen – nach dem Einreiben gehört sie nicht in die pralle Sonne. Wer Medikamente einnimmt, sollte vor einer innerlichen Anwendung ärztlichen oder apothekerlichen Rat einholen, denn Johanniskraut kann die Wirkung zahlreicher Arzneimittel beeinflussen, darunter die „Pille”. In Schwangerschaft und Stillzeit Johanniskraut nicht einnehmen und das Rotöl nur nach Rücksprache mit Hebamme oder Ärztin auftragen. Anhaltende Niedergeschlagenheit gehört in ärztliche Hände, nicht in den Kräuterstrauß.

Schafgarbe, Beifuß & Co. – die anderen Sonnwendkräuter

Das Johanniskraut sammelte man selten allein. Zu den klassischen Sonnwendkräutern gehörte ein ganzer Reigen von Pflanzen, die jetzt in voller Blüte standen. Allen voran die Schafgarbe mit ihren weißen Doldenschirmchen – eines der wichtigsten Frauenkräuter der Volksheilkunde, das man in keinem Johanni-Strauß vermissen wollte. Sie galt als das „Augenbraue der Venus” und stand für Schutz und Standhaftigkeit.

Dazu kamen je nach Landschaft der Beifuß, den man sich um die Hüfte band, ehe man durchs Sonnwendfeuer sprang, die Ringelblume, die wie eine kleine Sonne leuchtet, und der duftende Salbei aus dem Klostergarten. Vielerorts band man sieben, neun oder dreizehn Kräuter zu einem „Sonnwendbüschel” oder „Johannisbüschel” – die ungeraden Zahlen galten als die glückbringenden. Dieses Büschel trocknete man unterm Dach und bewahrte es übers Jahr.

So entstand ein Strauß, der weniger Apotheke als Kalender war: ein Bund Hochsommer, festgehalten am hellsten Tag. Jede Region hatte ihre eigene Mischung, und genau das macht das Brauchtum so reich – es gab nie das eine richtige Rezept, sondern das, was am eigenen Wegrand wuchs.

Wann sammeln? Der Sonnwendmorgen und der volle Mond

Die Überlieferung war beim Sammelzeitpunkt erstaunlich genau. Sonnwendkräuter schnitt man am liebsten am Morgen des Johannistags, wenn der Tau noch auf den Blättern lag – nach altem Glauben war die Kraft dann am dichtesten beisammen. Manche Quellen empfehlen sogar die Mittagsstunde, wenn die Sonne im Zenit steht und die Blüten am weitesten geöffnet sind.

Eine zweite Spur führt zum Mond. In der Kräutertradition galten die Tage um den Vollmond als günstig, um oberirdische, „blühende” Pflanzenteile zu ernten – Blüten und Kraut, nicht Wurzel. Fiel der Vollmond mit der Sonnwende zusammen, war das in den Augen der alten Kräuterkundigen ein besonders kraftvolles Fenster. Wer das Brauchtum heute aufgreifen mag, findet im Mondratgeber zum Vollmond den überlieferten Hintergrund dazu.

Fürs Sammeln selbst gelten die ruhigen Grundregeln, die für alle Wildkräuter gelten: nur sicher bestimmte Pflanzen schneiden, abseits von Straßen und gedüngten Feldern, und nie mehr nehmen, als der Bestand verträgt. In Naturschutzgebieten bleibt die Schere in der Tasche. Wenn du das Sammeln im Jahreslauf vertiefen willst, lohnt ein Blick in unseren Beitrag zum Ernten nach dem Mondkalender.

Wie der Brauch bis heute weiterlebt

Vieles vom alten Johanni-Brauchtum ist leiser geworden, aber verschwunden ist es nicht. Die Sonnwendfeuer brennen, in Tirol und Südtirol ziehen sie als „Herz-Jesu-Feuer” sogar leuchtende Muster in die Berghänge. Auf Wochenmärkten und in Hofläden tauchen Ende Juni wieder die gebundenen Kräuterbüschel auf. Und das tiefrote Johannisöl setzen Kräuterfreunde bis heute am sonnigen Fenster an – ein Rezept, das so einfach ist, dass es jede Großmutter im Kopf hatte.

Du musst kein Feuer entzünden und keinen Sprung wagen, um an Johanni teilzuhaben. Es reicht, am längsten Tag kurz innezuhalten, vielleicht ein paar Blüten zu pflücken und sie ins Fenster zu stellen. Das Brauchtum um die Sommersonnenwende war nie eine strenge Lehre, sondern eine Art, dem Jahr seine Wendepunkte abzulauschen – und das gelbe Kraut mit dem roten Saft ist dafür bis heute ein schöner, stiller Begleiter.

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