Warum der Mond auch im Blumentopf den Takt vorgibt
Was im Garten und auf dem Feld seit Generationen den Rhythmus bestimmt, machte vor der Fensterbank nie halt. Die bäuerliche Überlieferung sah den Mond als großen Taktgeber für alles Wachsende – und ob eine Pflanze im Beet oder im Tontopf wurzelt, machte für dieses Bild keinen Unterschied. Johanna Paungger und Thomas Poppe, die das alte Erfahrungswissen im 20. Jahrhundert gesammelt und aufgeschrieben haben, übertrugen die Gartenregeln folgerichtig auch auf die Zimmerpflanzen.
Der Grundgedanke ist einfach: Mit dem zunehmenden Mond steigen – so die Vorstellung – die Säfte nach oben in Blätter und Triebe, mit dem abnehmenden ziehen sie sich nach unten in die Wurzeln zurück. Dieses Auf und Ab gibt vor, wann man fördert, was wächst, und wann man dem zugutekommt, was unter der Erde liegt. Dieser Ratgeber ergänzt das, was beim Aussäen nach dem Mond für das Gartenjahr gilt – nur eben ganzjährig und für drinnen.
Umtopfen bei abnehmendem Mond
Das Umtopfen ist ein Eingriff, der die Wurzeln freilegt und stört. Genau deshalb legte die Überlieferung diesen Schritt in die Phase des abnehmenden Mondes. Weil die Kräfte dann nach altem Verständnis ohnehin nach unten gerichtet sind, soll die Pflanze den Wurzelschock leichter verkraften und in der frischen Erde rascher neue Faserwurzeln bilden. Eine Pflanze im vollen Saftdruck, hieß es, nehme den Umzug schwerer.
Maria Thun, die mit ihren jahrzehntelangen Aussaatversuchen die biodynamische Gärtnerei prägte, ordnete dem ergänzend die Mondzeichen zu: Für alles, was die Wurzel betrifft, gelten die Erdzeichen – also die Wurzeltage Stier, Jungfrau und Steinbock – als besonders passend. Ein abnehmender Mond an einem Wurzeltag galt vielen als das ideale Fenster fürs Umtopfen. Wer eine Orchidee oder einen Gummibaum umsetzt, der lange im selben Gefäß stand, findet hier nach der Tradition den schonendsten Moment.
So gehst du beim mondgerechten Umtopfen vor
Wer es nach der alten Regel halten möchte, geht in wenigen Schritten vor:
- Den Tag wählen: Suche im Mondkalender einen Tag mit abnehmendem Mond, gern an einem Wurzeltag (Stier, Jungfrau, Steinbock). Die zwei Wochen nach dem Vollmond bieten dafür reichlich Gelegenheit.
- Vorher gut wässern: Gieße die Pflanze einen Tag vorher, damit sich der Ballen leichter aus dem Topf löst und die Wurzeln nicht reißen.
- Behutsam lösen: Klopfe den Topf rundum, ziehe die Pflanze heraus und lockere den Wurzelballen vorsichtig auf. Faules oder dunkles Wurzelwerk wird abgeschnitten.
- Frisch einsetzen: Wähle einen Topf nur wenig größer als den alten, setze die Pflanze in frische Erde und drücke sie sacht an.
- Sparsam angießen: Gib nur wenig Wasser und stelle die Pflanze ein paar Tage etwas schattiger – so kann sie in Ruhe einwurzeln.
Den ersten kräftigen Dünger gönnt man der Pflanze nach altem Rat erst, wenn der Mond wieder zunimmt und das Wachstum oberirdisch anziehen soll.
Gießen an den Blatttagen
Beim Wasser unterscheidet die Tradition nicht nur die Mondphase, sondern vor allem das Mondzeichen. Den Blatttagen – den Wasserzeichen Krebs, Skorpion und Fische – wird ein besonderer Bezug zum Feuchten zugeschrieben. An diesen Tagen, so die Überlieferung, sei die Pflanze am aufnahmebereitesten, und das Gießwasser komme den Blättern am meisten zugute. Maria Thun nannte sie konsequent die Blatttage des Aussaatkalenders.
Manche Mondgärtner achten zugleich darauf, an ausgesprochenen Blütentagen das Wasser eher knapp zu halten, damit blühende Pflanzen ihre Kraft in die Blüte statt ins Laub legen. Bei aller Freude an der Regel gilt aber die nüchterne Gärtnerweisheit: Gegossen wird, wenn die Erde es braucht. Steht ein Blatttag an, während die Erde noch klamm ist, wartet man lieber – Staunässe verzeiht keine Pflanze, kein Mondzeichen gleicht sie aus. Der Mondkalender ordnet hier den Rhythmus, ersetzt aber nicht den Daumen in der Blumenerde.
Ableger, Stecklinge und Kindel bei zunehmendem Mond
Soll Neues wachsen, kommt der zunehmende Mond ins Spiel. Ihm sagt die Überlieferung treibende Kraft nach: Was in dieser Phase angesetzt wird, soll besonders willig anwurzeln und kräftig austreiben. Wer also Stecklinge schneidet, Triebe ins Wasserglas stellt oder die Kindel einer Grünlilie abtrennt, wählt traditionell die Tage zwischen Neumond und Vollmond.
Ein bewährtes Bild dazu: Die nach oben strebenden Säfte des zunehmenden Mondes geben dem jungen Trieb gewissermaßen Rückenwind. Bei der Bewurzelung im Wasser passt das gut mit dem Gießgedanken zusammen – ein zunehmender Mond, der auf einen Blatttag fällt, galt manchem als doppelt günstig für junge Ableger. Dass Stecklinge gern in der hellen, wachsenden Jahreszeit gelingen, fügt sich nahtlos in diese Logik. Wer die Ableger später eintopft, kehrt für das Einsetzen wieder zum abnehmenden Mond zurück, damit die frischen Würzelchen in Ruhe Halt fassen.
Schneiden, Düngen und der ganze Pflegekreis
Über Wasser und Wurzel hinaus kennt die Überlieferung für fast jeden Handgriff einen passenden Mondmoment. Zurückschneiden, um Wuchs zu bremsen – etwa bei einer ausladenden Efeutute –, legte man in den abnehmenden Mond; soll die Pflanze nach dem Schnitt kräftig nachtreiben, wählte man den zunehmenden. Düngen passt nach altem Verständnis am besten in die zunehmende Phase, wenn die Pflanze die Nährstoffe nach oben ins Blattwerk schiebt; ein selbst angesetzter Brennnessel-Sud oder etwas Kaffeesatz als Zugabe galten dabei als bewährte Hausmittel.
Schädlinge bekämpfte man dagegen lieber bei abnehmendem Mond, dem man das Zurückdrängen zuordnete. So fügt sich der Pflegekreis zu einem Jahresbild: zunehmend fördern und vermehren, abnehmend umsetzen, stutzen und beruhigen. Ob man jeden Handgriff streng nach dem Kalender ausrichtet oder nur die großen Eingriffe wie das Umtopfen, bleibt jedem selbst überlassen – die Tradition bietet den Rahmen, die eigene Pflanze gibt den Ausschlag.