Traditionelles Wirkverständnis
Hinweis: Die folgenden Beschreibungen beruhen auf überlieferter Gartenpraxis. Für den Einsatz gegen Blattläuse gelten die Vorgaben im Abschnitt „Sicherheit“.
In der Gartenpraxis gilt die vergorene Brennnesseljauche als flüssiger Dünger, der die Pflanzen „von innen“ stärken soll; der nur kurz angesetzte kalte Auszug dagegen wird abgeseiht und über die Blätter gespritzt.1
Verdünnte, vergorene Brennnesselansätze haben als flüssiger Blattdünger eine lange Gebrauchsgeschichte.2
Bis heute führen Gartenmerkblätter von Landesbehörden die Brennnesseljauche als Stickstoffdünger für stark zehrendes Gemüse.3 Auch das Spritzen gegen Blattläuse hat inzwischen einen festen Rahmen: 2015 beantragte das Institut Technique de l’Agriculture Biologique (ITAB), die Brennnessel als Grundstoff für den Pflanzenschutz zu genehmigen, und seit dem 30. März 2017 ist Urtica spp. in der EU als Grundstoff genehmigt – mit genauen Bedingungen für Zubereitung und Anwendung.4
Basiswissen
Unter dem Namen Brennnesseljauche laufen zwei verschiedene Zubereitungen: die über Wochen vergorene Jauche, die verdünnt als Dünger an die Wurzeln kommt, und der nur einen Tag angesetzte kalte Auszug, der als Spritzbrühe gegen Blattläuse dient. Kraut und Wasser sind bei beiden dieselben, den Unterschied macht die Zeit.5
Das Wort Jauche hat eine überraschend appetitliche Herkunft. Es ist aus dem Altsorbischen oder Altpolabischen entlehnt, wo jucha neben dem flüssigen Stalldünger auch Brühe und Suppe bedeutete. Die urslawische Wurzel meinte eine dicke Fleischbrühe; verwandt ist das russische uchá, die Fischsuppe. Als Wort für den Dünger setzte sich Jauche in der Schriftsprache im 18. Jahrhundert durch.6
Die Brennnessel enthält in der Trockenmasse 2 bis 4 Prozent Stickstoff. Als Jauche liefert sie einen rasch verfügbaren Stickstoffdünger, der vor allem stark zehrenden Gemüsekulturen wie Tomaten, Kürbis oder Kohl zugutekommt.7
Wer die Nesseln dafür schneidet, nimmt sie einer ganzen Tiergemeinschaft weg: 49 Raupenarten fressen an der Brennnessel, die Raupen von Kleinem Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral und Landkärtchen sogar ausschließlich.8 Ein Teil des Bestands bleibt deshalb besser stehen.
Zutaten
Für die Jauche genügen Brennnesseln, Wasser und ein Gefäß aus Kunststoff, Holz oder Ton; für den kalten Auszug reicht eine kleine Menge frischer Blätter in Trinkwasser.
| Zutat | Menge | Hinweis |
|---|---|---|
| Frische Brennnesseln | ca. 1 kg auf 10 l Wasser (Jauche) bzw. 75 g auf 1 l (kalter Auszug) | Junge Triebe ohne Blüten und Samen, mit Handschuhen schneiden und grob zerkleinern |
| Getrocknete Brennnesseln (statt frischer) | 150 g auf 10 l (Jauche) bzw. 15 g auf 1 l (kalter Auszug) | Praktisch, wenn nur der Vorrat zur Hand ist |
| Regenwasser oder abgestandenes Leitungswasser | 10 l | Für die Jauche |
| Trinkwasser | 1 l zum Ansetzen, 5 l zum Verdünnen | Für den kalten Auszug gegen Blattläuse |
| Gesteinsmehl | 1 Handvoll | Optional, mindert den Geruch der gärenden Jauche |
| Gefäß aus Kunststoff, Holz oder Ton | mind. 15 l Fassungsvermögen | Kein Metall; mit Deckel oder Gitter sichern, aber nicht luftdicht verschließen |
| Schutzhandschuhe | 1 Paar | Zum Schneiden der Brennnesseln |
Zubereitung
Für die Jauche gärt das Kraut 10 Tage bis 3 Wochen in Wasser, für den kalten Auszug zieht es nur 24 Stunden; beide Ansätze werden vor dem Gebrauch abgeseiht.
Brennnesseljauche (Dünger)
- Schneiden: Junge Brennnesseln mit Handschuhen schneiden. Blühende Pflanzen nicht verwenden, da sie Samen enthalten können.9 Das Kraut grob zerkleinern.
- Ansetzen: Auf 10 Liter Wasser etwa 1 kg frisches oder 150 g getrocknetes Kraut rechnen.10 Am besten eignet sich Regenwasser, sonst abgestandenes Leitungswasser; oben eine Handbreit Platz lassen, weil die Jauche während der Gärung schäumt.11
- Abdecken und aufstellen: Das Gefäß an einen sonnigen Platz stellen und abdecken, aber nicht luftdicht verschließen; wie es gegen Kinder und Tiere gesichert wird, steht im Abschnitt „Sicherheit“.
- Täglich umrühren: Ein- bis zweimal am Tag kräftig umrühren, damit Sauerstoff in den Ansatz kommt; eine Handvoll Gesteinsmehl mindert den Geruch.12
- Reifen lassen und abseihen: Nach zehn bis 14 Tagen kann die Jauche fertig sein; sobald sie nicht mehr schäumt, wird sie abgesiebt, und die Pflanzenreste wandern als Mulch ins Beet.13 Andere Merkblätter rechnen mit zwei bis drei Wochen, bis die Flüssigkeit dunkel ist und die Pflanzenreste größtenteils abgesunken sind.14
Kalter Auszug gegen Blattläuse (Spritzbrühe)
Für den Auszug gelten die Bedingungen der EU-Genehmigung der Brennnessel als Grundstoff; eigene, abweichende Mischungen sind als Mittel gegen Schädlinge nicht erlaubt (siehe Abschnitt „Sicherheit“).
- Ansetzen: 75 g frische oder 15 g getrocknete Brennnesselblätter – junge, saubere und gewaschene Triebe, die noch keinen Samen tragen – in 1 Liter Trinkwasser einweichen; zerkleinertes Kraut setzt schneller an.15
- Ziehen lassen: Gegen Blattläuse reichen 24 Stunden bei etwa 20 °C.16
- Abseihen und verdünnen: Den Auszug abseihen und mit der fünffachen Menge Trinkwasser verdünnen.17 Aus 1 Liter Auszug werden so 6 Liter Spritzbrühe; für eine Sprühflasche genügen 15 g frische Blätter in 200 ml Wasser, nach dem Abseihen mit 1 Liter Wasser verdünnt.
- Gleich verbrauchen: Die verdünnte Brühe verliert rasch an Wirkung und wird innerhalb von 24 Stunden ausgebracht.18
Anwendung
Die Jauche wird verdünnt in den Wurzelbereich gegossen, die Spritzbrühe erst bei Befall direkt auf die Blattläuse gesprüht. Für beide gelten die Grenzen im Abschnitt „Sicherheit“.
Jauche als Dünger
- Verdünnen: Für eingewachsene Pflanzen 1:10 mit Wasser verdünnen, für Jungpflanzen 1:20.19 Unverdünnt kommt die Jauche nicht an die Pflanzen.
- An die Wurzeln gießen: Die verdünnte Jauche direkt zu den Wurzeln gießen.20 Am besten eignet sich eine Gießkanne ohne Brause.
- Wer sie mag – und wer nicht: Dankbar sind stark zehrende Gemüse wie Tomaten, Kürbis und Kohl (siehe Abschnitt „Basiswissen“). Möhren, Bohnen, Erbsen, Knoblauch und Zwiebeln vertragen die stickstoffreiche Jauche dagegen nicht.21
- Maß halten: Zu reichlich ausgebrachte Brennnesselextrakte machen das Pflanzengewebe weich und anfälliger für Schaderreger.22
Spritzbrühe gegen Blattläuse
- Wo sie genehmigt ist: Im Freiland gegen Blattläuse an Obstgehölzen wie Apfel, Pflaume, Pfirsich, Kirsche, Walnuss und Roter Johannisbeere, an Bohnen, Kartoffeln, Salat und Kohl, an Rotem Holunder, Rosen und Spiersträuchern.23
- Direkt treffen: Blätter und Triebe so spritzen, dass die Läuse getroffen werden; vorbeugend gespritzt bleibt die Brühe wirkungslos. Üblich sind 1 bis 5 Spritzungen im Abstand von 7 bis 15 Tagen, je 10 Quadratmeter Gemüsebeet 0,3 bis 0,5 Liter.24
- Wetter: Möglichst an trüben Tagen ohne pralle Sonne spritzen.
- Grenzen: Starker, weit fortgeschrittener Befall lässt sich mit Pflanzenauszügen nicht ausreichend eindämmen.25
Sicherheit
Ein Jauchefass ist ein offener Behälter voller Flüssigkeit und gehört gesichert; dazu kommen Hygiene bei Gemüse und Salat und die rechtlichen Grenzen beim Spritzen gegen Schädlinge.
- Kleine Kinder: Bis zum Alter von etwa 15 Monaten kann ein Kind schon in zehn Zentimetern Wasser ertrinken, und auch ein mit Wasser gefüllter Bottich ist für Kinder gefährlich.26 Wo kleine Kinder im Garten sind, die Jauche nur im kleinen Eimer ansetzen, mit einem festen, nicht luftdicht schließenden Deckel sichern und außer Reichweite stellen; auf große offene Fässer verzichten und Kinder in der Nähe nie unbeaufsichtigt lassen.
- Tiere: Das Gefäß mit einem Gitter oder Netz abdecken, damit keine Tiere hineinfallen.27 Haustiere nicht aus dem Ansatz trinken lassen.
- Nicht luftdicht verschließen: Den Behälter abdecken, aber nicht luftdicht verschließen, damit die bei der Gärung entstehenden Gase entweichen können.28
- Kein Metall: Für die Jauche kein Gefäß aus Metall verwenden, da es während der Gärung zu chemischen Reaktionen kommen kann.29
- Brennhaare: Brennnesseln nur mit Handschuhen und langen Ärmeln schneiden; die Brennhaare hinterlassen brennende Quaddeln.
- Nicht zum Verzehr: Jauche und Spritzbrühe sind weder Getränk noch Tee. Gefäße beschriften, nicht in Getränkeflaschen umfüllen und nach der Arbeit die Hände waschen.
- Gemüse und Salat: Unter unhygienischen Bedingungen können sich beim Ansetzen Krankheitserreger wie E. coli vermehren; gelangt die Flüssigkeit auf essbare Pflanzenteile, ist das ein Risiko für die Lebensmittelsicherheit.30 Jauche deshalb nur in den Wurzelbereich gießen, nicht über Salat, Kräuter oder Blattgemüse, die bald geerntet werden. Für die Spritzbrühe Trinkwasser, saubere Gefäße und gewaschene Blätter verwenden und das Erntegut vor dem Essen gründlich waschen.
- Wartezeit: Zwischen der letzten Spritzung mit der Brennnessel-Spritzbrühe und der Ernte mindestens 7 Tage einhalten.31
- Pflanzenschutzrecht: Gegen Blattläuse darf der Auszug nur so verwendet werden, wie es die EU-Genehmigung vorsieht; Kulturpflanze, Schädling, Konzentration, Menge, Zahl der Anwendungen und Wartezeit sind verpflichtend.32 Im Haus- und Kleingarten dürfen auch Freizeitgärtner Grundstoffe wie die Brennnessel einsetzen.33
- Andere Kräuterbrühen: Schafgarbe, Große Klette, Wermut, Beifuß, Rainfarn und Beinwellblätter sind nicht als Grundstoff genehmigt; Brühen und Jauchen daraus dürfen nicht gegen Schädlinge oder Krankheiten eingesetzt werden.34
- Sammeln: Nur Pflanzen sammeln, die sicher erkannt sind, und in der freien Natur die Regeln des Natur- und Artenschutzes beachten.35 Nicht zu viele Pflanzen von einem Standort nehmen, damit der Bestand erhalten bleibt.36 Brennnesseln von Straßenrändern, frisch gespritzten Feldrändern und Hundewiesen meiden.
Varianten
Neben der Jauche aus frischem Kraut stehen der Brennnesselmulch, die Beinwelljauche als zweiter Flüssigdünger und die stark verdünnte gärende Jauche, die manche Merkblätter auf die Blätter spritzen.
- Aus getrockneten Brennnesseln: 150 g getrocknetes Kraut auf 10 Liter Wasser ansetzen (siehe Abschnitt „Zubereitung“) – praktisch außerhalb der Wachstumszeit, wenn nur der Vorrat zur Hand ist.
- Brennnesselmulch: Auch als Mulch ist die Brennnessel als Grundstoff genehmigt, für Gurken, Tomaten, Rosen, Ziergehölze und Prunus-Arten: 83 g getrocknetes, oberirdisches Kraut mit 1 kg Mulch gemischt, rund 15 g Kraut je 10 Quadratmeter, einmal ausgebracht.37
- Beinwelljauche: 1 kg frisches Beinwellkraut auf 10 Liter Wasser, 1:10 verdünnt in den Wurzelbereich gegossen; wegen der enthaltenen Alkaloide nicht flächendeckend und nicht übermäßig einsetzen.38 Beinwelljauche dient nur als Dünger, nicht gegen Schädlinge (siehe Beinwell und Abschnitt „Sicherheit“).
- Gärende Jauche auf die Blätter: Manche Gartenmerkblätter empfehlen, noch gärende Jauche 1:50 verdünnt über die Blätter zu spritzen.39 Als Mittel gegen Blattläuse ist in Deutschland jedoch nur der Auszug nach den Bedingungen der Grundstoff-Genehmigung erlaubt (siehe Abschnitt „Sicherheit“).
Haltbarkeit & Aufbewahrung
Die fertige, abgeseihte Jauche hält bis zum Ende der Gartensaison, die verdünnte Spritzbrühe dagegen nur einen Tag.
- Jauche: Sobald sie nicht mehr schäumt, kann das Fass mit einem normalen Deckel verschlossen werden; so hält sie bis zum Ende des Gartenjahres, und Reste kommen im Herbst auf den Kompost.40
- Spritzbrühe: Nur so viel ansetzen, wie an einem Tag gebraucht wird, und innerhalb von 24 Stunden verbrauchen (siehe Abschnitt „Zubereitung“).
- Aufbewahrung: Gefäße mit Inhalt und Datum beschriften und für Kinder und Haustiere unerreichbar abstellen.
Querverweise
- Kraut: Brennnessel – Botanik, Sammelzeit und Küche der Pflanze, aus der die Jauche entsteht
- Verwandter Ansatz: Beinwell – Wildkraut mit eigener Jauche-Tradition und deutlichen Grenzen
- Mischkultur: Kapuzinerkresse – Die Nachbarin am Beetrand, auf der sich Blattläuse gern sammeln
- Mondkalender: Säen & Pflanzen nach dem Mond – Pflanzentage und Gärtnerregeln der Mondkalender fürs Beet