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Wissen · Historische Heilkundige

Marbod von Rennes.

um 1035–1123

Lehrer in Angers, Bischof von Rennes und einer der bedeutenden lateinischen Dichter seiner Zeit: Marbod von Rennes brachte das antike Steinwissen in ein Lehrgedicht über rund 60 Steine – das meistgelesene Steinbuch des Mittelalters.

In 19 Monografien dieser Sammlung als Quelle zitiert.

Amethyst — botanische Illustration
Symbolbild: Amethyst aus dem Herbarium von Altes Wissen – keine Abbildung von Marbod von Rennes.

Leben

Marbod kam um 1035 zur Welt; die meisten Darstellungen nennen Angers als Geburtsort, einzelne Le Mans. Ausgebildet wurde er an der Domschule von Angers bei Rainaldus, der als Schüler Fulberts von Chartres galt. Der Schule blieb er lange verbunden: 1067 übertrug ihm Bischof Eusebius Bruno die Leitung des Unterrichts in Stadt und Bistum, später stieg Marbod zum Archidiakon auf.

Erst als Mann von über sechzig Jahren wechselte er ins Bischofsamt. 1096, als Papst Urban II. durch Frankreich reiste, um für den Kreuzzug zu werben, erhob er Marbod zum Bischof von Rennes in der Bretagne. Das Bistum führte er mehr als ein Vierteljahrhundert. Hochbetagt – die Quellen sprechen von etwa 88 Jahren – legte er das Amt nieder und zog sich als Mönch in die Benediktinerabtei Saint-Aubin in Angers zurück. Dort starb er am 11. September 1123.

Werk

Marbod schrieb fast ausschließlich in Versen: Hymnen, Liebes- und Freundschaftsgedichte, Heiligenleben wie das der heiligen Thaïs, dazu Briefe und ein Lehrbuch der rhetorischen Figuren („De ornamentis verborum“). Am weitesten verbreitet aber wurde ein Lehrgedicht, das noch in seine Jahre an der Domschule fällt: der „Liber lapidum“, auch „De lapidibus“ oder „Lapidarius“ genannt. In gut 700 Hexametern beschreibt es rund 60 Steine mit Aussehen, Herkunft, Namensdeutung und den Kräften, die man ihnen zuschrieb.

Der Prolog beruft sich auf Evax, einen sagenhaften König der Araber, der einem römischen Kaiser über Arten, Namen, Farben, Fundorte und Kräfte der Steine geschrieben haben soll. Tatsächlich schöpfte Marbod aus der spätantiken Steinschrift, die unter den Namen Damigeron und Evax in lateinischer Fassung umlief, dazu aus Solinus, aus den „Etymologien“ Isidors von Sevilla und wohl auch aus Plinius. Das Büchlein, heißt es weiter, solle nur wenigen vertrauenswürdigen Freunden in die Hand gegeben werden, denn wer Geheimnisse unter die Leute bringe, mindere ihre Würde.

Ein bloßer Abschreiber war Marbod dabei nicht. Beim Bergkristall gibt er die antike Ansicht wieder, der Stein sei über viele Jahre verhärtetes Eis, stellt ihr aber die Gegenstimme gegenüber, Kristall finde sich auch dort, wo nie Frost geherrscht habe. Als gewiss hält er nur fest, was sich beobachten ließ: dass der Stein, in die Sonne gehalten, Feuer entzündet. Daneben deutete er in kleineren Texten die zwölf Grundsteine des himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes – dort nicht nach ihren Kräften, sondern christlich-sinnbildlich.

Bedeutung für die Steinkunde

Der Prolog spricht die Grundüberzeugung des Gedichts offen aus: Den Kräutern sei große Kraft gegeben, den Edelsteinen die größte, und diese Kraft sei ihnen von Gott eingepflanzt. Aus diesem Gedanken heraus verband Marbod Naturbeschreibung, die Heilkunde seiner Zeit und Amulettglauben. Die meisten Verse handeln von den Kräften, die den Steinen für Leib und Leben zugeschrieben wurden.

Viele Bilder, die bis heute an einzelnen Steinen haften, stehen bei ihm in fester Form. Den Amethyst nannte er leicht zu schneiden und der Trunkenheit entgegengesetzt. Im Achat sah er natürliche Bilder von Königen und Göttern und erinnerte an den Achat, den König Pyrrhus am Finger getragen haben soll. Der Gagat komme aus Lykien, die beste Sorte aber aus dem fernen Britannien; gerieben ziehe er Spreu an, und sein Rauch sollte Schlangen und böse Geister vertreiben. Den Hämatit leitete Marbod vom griechischen Wort für Blut ab und nannte ihn als Zutat für Augensalben. Der Karfunkel, unter dem das Mittelalter rote Steine wie Granat und Rubin fasste, übertreffe alle glühenden Steine und werfe Strahlen wie eine glühende Kohle. Den Adlerstein trage der Adler in sein Nest, und er berge einen zweiten kleinen Stein in sich – ein Bild, aus dem seine lange Geschichte als Geburtsamulett erwuchs.

Weitergereicht wurden diese Zuschreibungen über eine lange Kette. Gelehrte des 13. Jahrhunderts wie Vinzenz von Beauvais zitierten Marbods Verse in ihren Naturenzyklopädien, und viele spätere Steinbücher bauten auf seinem Gedicht auf. Wo ein heutiges Buch zur Steinheilkunde den Amethyst mit Nüchternheit verbindet, steht es in einer Linie, die über Marbod bis in die Antike zurückreicht.

Einordnung aus heutiger Sicht

Das Steinbuch gehört zu den am breitesten überlieferten Lehrgedichten des Mittelalters. John M. Riddle zählte 1977 rund 125 lateinische Handschriften, María Esthera Herrera kam 2005 auf 160, darunter 19 Fragmente. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde der Text mehrfach ins Altfranzösische und Anglonormannische übertragen; bis zum 14. Jahrhundert folgten provenzalische, italienische, irische und dänische Fassungen, und über das Französische fand er Eingang in hebräische Steinbücher. 1511 erschien das Gedicht, besorgt von dem Wiener Humanisten Johannes Cuspinian, erstmals im Druck.

Der Name des Verfassers blieb dabei nicht immer mit dem Werk verbunden. Weil der Prolog sich auf Evax beruft, präsentierte eine 1575 von Heinrich Rantzau herausgegebene Ausgabe das Gedicht als Schrift des Araberkönigs, die ein ungenannter Dichter in Verse gebracht habe. Auch die Gattung ist nicht eindeutig: Riddle las es als medizinisches Lehrbuch, in einer Besprechung seiner Ausgabe wurde dagegen eingewandt, damit werde der Rang des Textes als Dichtung verkannt.

Hinzu kommt die Frage der Namen. Die Steinbezeichnungen folgen antikem Sprachgebrauch und decken sich nicht immer mit heutigen Mineralen. Marbods „Selenites“ etwa ist ein grüner, jaspisähnlicher Stein, und schon der Göttinger Gelehrte Johann Beckmann merkte in seiner Ausgabe von 1799 an, der Smaragd der Alten sei nicht der Stein, den man heute so nennt. Die Verbindungen zu heutigen Steinen sind darum Zuordnungen der Überlieferung, keine Gleichsetzungen. In heutigen Steinbüchern erscheint Marbod meist als Gewährsmann für einzelne Steinkräfte; sein Gedicht selbst zeigt, wie das Steinwissen der Antike ins Mittelalter gelangte und dort weitergedacht wurde.

In diesen Monografien zitiert

19

Heilsteine: Adlerstein (Aetit) · Aquamarin · Bernstein · Falkenauge · Gagat · Granat · Hämatit · Mondstein · Onyx · Opal · Pyrit · Rauchquarz · Rubin · Serpentin · Smaragd · Sonnenstein · Tigerauge · Topas · Türkis

Häufige Fragen

3
Wer war Marbod von Rennes?
Marbod kam um 1035 zur Welt und wurde an der Domschule von Angers ausgebildet, die er ab 1067 selbst leitete; später war er Archidiakon des Bistums. 1096 machte ihn Papst Urban II. zum Bischof von Rennes in der Bretagne. Hochbetagt zog er sich als Mönch in die Abtei Saint-Aubin in Angers zurück, wo er am 11. September 1123 starb.
Welches Werk machte Marbod von Rennes bekannt?
Bekannt wurde er vor allem durch den „Liber lapidum“, auch „De lapidibus“ genannt: ein lateinisches Lehrgedicht in gut 700 Hexametern über rund 60 Steine. Es verbindet Aussehen, Herkunft und Namen der Steine mit den Kräften, die ihnen die antiken Vorlagen zuschrieben. Das Gedicht wurde in zahlreiche Volkssprachen übertragen und 1511 erstmals gedruckt.
Welche Steine beschreibt Marbod in seinem Steinbuch?
Das Gedicht beginnt mit dem Diamanten und führt unter anderem Achat, Jaspis, Saphir, Smaragd, Onyx, Amethyst, Gagat, Karneol, Adlerstein, Hämatit und Bergkristall auf. Dem Amethyst etwa schrieb Marbod zu, der Trunkenheit entgegenzustehen, im Achat sah er natürliche Bilder von Königen und Göttern. Seine Namen folgen antikem Sprachgebrauch und decken sich nicht immer mit den heutigen Mineralen.

Quellen & Literatur

  • John M. Riddle (Hrsg.): „Marbode of Rennes’ (1035–1123) De lapidibus“ — Lateinischer Text mit Kommentar und der englischen Übersetzung von C. W. King, dazu Marbods kleinere Steinschriften – Sudhoffs Archiv, Beiheft 20, Franz Steiner, Wiesbaden 1977
  • María Esthera Herrera (Hrsg.): „Marbodo de Rennes, Lapidario (Liber lapidum)“ — Kritische Edition mit Übersetzung und Verzeichnis der Handschriften – Auteurs latins du Moyen Âge 15, Paris 2005
  • Léon Ernault: „Marbode, évêque de Rennes, sa vie et ses œuvres (1035–1123)“ — Biografie mit Werkübersicht, 1890

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