Leben
Marbod kam um 1035 zur Welt; die meisten Darstellungen nennen Angers als Geburtsort, einzelne Le Mans. Ausgebildet wurde er an der Domschule von Angers bei Rainaldus, der als Schüler Fulberts von Chartres galt. Der Schule blieb er lange verbunden: 1067 übertrug ihm Bischof Eusebius Bruno die Leitung des Unterrichts in Stadt und Bistum, später stieg Marbod zum Archidiakon auf.
Erst als Mann von über sechzig Jahren wechselte er ins Bischofsamt. 1096, als Papst Urban II. durch Frankreich reiste, um für den Kreuzzug zu werben, erhob er Marbod zum Bischof von Rennes in der Bretagne. Das Bistum führte er mehr als ein Vierteljahrhundert. Hochbetagt – die Quellen sprechen von etwa 88 Jahren – legte er das Amt nieder und zog sich als Mönch in die Benediktinerabtei Saint-Aubin in Angers zurück. Dort starb er am 11. September 1123.
Werk
Marbod schrieb fast ausschließlich in Versen: Hymnen, Liebes- und Freundschaftsgedichte, Heiligenleben wie das der heiligen Thaïs, dazu Briefe und ein Lehrbuch der rhetorischen Figuren („De ornamentis verborum“). Am weitesten verbreitet aber wurde ein Lehrgedicht, das noch in seine Jahre an der Domschule fällt: der „Liber lapidum“, auch „De lapidibus“ oder „Lapidarius“ genannt. In gut 700 Hexametern beschreibt es rund 60 Steine mit Aussehen, Herkunft, Namensdeutung und den Kräften, die man ihnen zuschrieb.
Der Prolog beruft sich auf Evax, einen sagenhaften König der Araber, der einem römischen Kaiser über Arten, Namen, Farben, Fundorte und Kräfte der Steine geschrieben haben soll. Tatsächlich schöpfte Marbod aus der spätantiken Steinschrift, die unter den Namen Damigeron und Evax in lateinischer Fassung umlief, dazu aus Solinus, aus den „Etymologien“ Isidors von Sevilla und wohl auch aus Plinius. Das Büchlein, heißt es weiter, solle nur wenigen vertrauenswürdigen Freunden in die Hand gegeben werden, denn wer Geheimnisse unter die Leute bringe, mindere ihre Würde.
Ein bloßer Abschreiber war Marbod dabei nicht. Beim Bergkristall gibt er die antike Ansicht wieder, der Stein sei über viele Jahre verhärtetes Eis, stellt ihr aber die Gegenstimme gegenüber, Kristall finde sich auch dort, wo nie Frost geherrscht habe. Als gewiss hält er nur fest, was sich beobachten ließ: dass der Stein, in die Sonne gehalten, Feuer entzündet. Daneben deutete er in kleineren Texten die zwölf Grundsteine des himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes – dort nicht nach ihren Kräften, sondern christlich-sinnbildlich.
Bedeutung für die Steinkunde
Der Prolog spricht die Grundüberzeugung des Gedichts offen aus: Den Kräutern sei große Kraft gegeben, den Edelsteinen die größte, und diese Kraft sei ihnen von Gott eingepflanzt. Aus diesem Gedanken heraus verband Marbod Naturbeschreibung, die Heilkunde seiner Zeit und Amulettglauben. Die meisten Verse handeln von den Kräften, die den Steinen für Leib und Leben zugeschrieben wurden.
Viele Bilder, die bis heute an einzelnen Steinen haften, stehen bei ihm in fester Form. Den Amethyst nannte er leicht zu schneiden und der Trunkenheit entgegengesetzt. Im Achat sah er natürliche Bilder von Königen und Göttern und erinnerte an den Achat, den König Pyrrhus am Finger getragen haben soll. Der Gagat komme aus Lykien, die beste Sorte aber aus dem fernen Britannien; gerieben ziehe er Spreu an, und sein Rauch sollte Schlangen und böse Geister vertreiben. Den Hämatit leitete Marbod vom griechischen Wort für Blut ab und nannte ihn als Zutat für Augensalben. Der Karfunkel, unter dem das Mittelalter rote Steine wie Granat und Rubin fasste, übertreffe alle glühenden Steine und werfe Strahlen wie eine glühende Kohle. Den Adlerstein trage der Adler in sein Nest, und er berge einen zweiten kleinen Stein in sich – ein Bild, aus dem seine lange Geschichte als Geburtsamulett erwuchs.
Weitergereicht wurden diese Zuschreibungen über eine lange Kette. Gelehrte des 13. Jahrhunderts wie Vinzenz von Beauvais zitierten Marbods Verse in ihren Naturenzyklopädien, und viele spätere Steinbücher bauten auf seinem Gedicht auf. Wo ein heutiges Buch zur Steinheilkunde den Amethyst mit Nüchternheit verbindet, steht es in einer Linie, die über Marbod bis in die Antike zurückreicht.
Einordnung aus heutiger Sicht
Das Steinbuch gehört zu den am breitesten überlieferten Lehrgedichten des Mittelalters. John M. Riddle zählte 1977 rund 125 lateinische Handschriften, María Esthera Herrera kam 2005 auf 160, darunter 19 Fragmente. Im 12. und 13. Jahrhundert wurde der Text mehrfach ins Altfranzösische und Anglonormannische übertragen; bis zum 14. Jahrhundert folgten provenzalische, italienische, irische und dänische Fassungen, und über das Französische fand er Eingang in hebräische Steinbücher. 1511 erschien das Gedicht, besorgt von dem Wiener Humanisten Johannes Cuspinian, erstmals im Druck.
Der Name des Verfassers blieb dabei nicht immer mit dem Werk verbunden. Weil der Prolog sich auf Evax beruft, präsentierte eine 1575 von Heinrich Rantzau herausgegebene Ausgabe das Gedicht als Schrift des Araberkönigs, die ein ungenannter Dichter in Verse gebracht habe. Auch die Gattung ist nicht eindeutig: Riddle las es als medizinisches Lehrbuch, in einer Besprechung seiner Ausgabe wurde dagegen eingewandt, damit werde der Rang des Textes als Dichtung verkannt.
Hinzu kommt die Frage der Namen. Die Steinbezeichnungen folgen antikem Sprachgebrauch und decken sich nicht immer mit heutigen Mineralen. Marbods „Selenites“ etwa ist ein grüner, jaspisähnlicher Stein, und schon der Göttinger Gelehrte Johann Beckmann merkte in seiner Ausgabe von 1799 an, der Smaragd der Alten sei nicht der Stein, den man heute so nennt. Die Verbindungen zu heutigen Steinen sind darum Zuordnungen der Überlieferung, keine Gleichsetzungen. In heutigen Steinbüchern erscheint Marbod meist als Gewährsmann für einzelne Steinkräfte; sein Gedicht selbst zeigt, wie das Steinwissen der Antike ins Mittelalter gelangte und dort weitergedacht wurde.